Ende September kostete ein Liter Diesel in Luxemburg 2,057 Euro, fast die Hälfte mehr als im Januar. Dabei liegt der Ölpreis derzeit weit unter seinen historischen Höchstständen. Frédéric Meys, Ökonom bei der Fondation Idea, erklärt, woran das liegt.
Eigentlich müsste der Preis an der Zapfsäule dem Preis für ein Barrel Rohöl folgen. Doch wie eng hängen beide zusammen, und warum zahlen Autofahrer heute Rekordpreise?
Anfang der 2000er-Jahre kostete ein Barrel der europäischen Referenzsorte Brent zwischen 20 und 30 Dollar, wie Daten der US-Energieinformationsbehörde EIA zeigen. Im Juni 2008, als sich die Finanzkrise abzeichnete, stieg der Preis auf 132 Dollar. 2009 fiel er wieder und schwankte zwischen 40 und 75 Dollar.
Der Dieselpreis in Frankreich verlief im selben Zeitraum ähnlich. Laut dem französischen Statistikamt Insee kostete ein Liter Diesel auf dem französischen Festland im Januar 2008 durchschnittlich 1,21 Euro, im Juni bereits 1,46 Euro. Im folgenden Jahr lag der Preis zwischen 0,98 und 1,05 Euro.
18 Jahre später sieht die Lage ganz anders aus. Im April 2026, kurz nach Beginn des US-Kriegs gegen den Iran, schnellte der Brent-Preis auf fast 120 Dollar. Kurz darauf sank er wieder und pendelte sich im Sommer bei 80 bis 90 Dollar ein. Die Preise an der Zapfsäule gingen jedoch nicht mit nach unten. In Luxemburg lag der Höchstpreis für einen Liter Diesel, den das Wirtschaftsministerium festlegt, am 1. Januar 2026 bei 1,389 Euro. Ende März überschritt er die Marke von zwei Euro, Anfang April erreichte er 2,186 Euro. Damit übertraf er den Höchststand von 2,112 Euro vom März 2022, zu Beginn des Kriegs in der Ukraine. Nach einer kurzen Entspannung im Juni zogen die Preise wieder an. Am 30. September kostete der Liter Diesel noch 2,057 Euro, 48 Prozent mehr als im Januar. Auch Benzin wurde teurer, allerdings weniger stark. Der Liter Super 95 stieg im selben Zeitraum von 1,410 auf 1,793 Euro, ein Plus von 27 Prozent. Diesel, in Luxemburg sonst günstiger als Benzin, kostet damit inzwischen rund 26 Cent mehr pro Liter. In Frankreich, wo die Steuern höher sind, ist die Lage noch angespannter. Dort kostete ein Liter Diesel im August im Schnitt 2,21 Euro.
Bleibt also die Frage: Warum ist Tanken heute so teuer, obwohl ein Barrel Öl weniger kostet als in früheren Krisen?
Produktion und Transport unter Druck
Frédéric Meys ist Ökonom bei der Fondation Idea und beschäftigt sich unter anderem mit der Energiewende und dem Weg zu einer CO2-armen Wirtschaft. Er nennt mehrere Gründe für die hohen Preise. „Einer der wichtigsten sind die Spannungen, die wir bei der Produktion, aber auch beim Transport beobachten“, sagt er.
Seit März 2026 greifen sich die USA, der Iran und weitere Länder im Nahen Osten gegenseitig an. Iranische Angriffe trafen Energieanlagen, darunter Raffinerien und Ölpipelines. Hinzu kommt die Blockade der Straße von Hormus, die den Öltransport massiv behindert. „Normalerweise werden 20 Prozent der weltweiten Ölproduktion durch diese Meerenge transportiert“, erklärt Meys. Seit sie für Schiffe gesperrt ist, sei das „ein gewaltiger Schock“.
Auch die Fahrtzeit der Tanker vom Nahen Osten oder anderen Förderregionen nach Europa wirkt sich auf die Preise aus. „Wenn der Tanker den Nahen Osten verlässt, steht der Preis bereits fest. Er kann aber höher liegen als der aktuelle Marktpreis. Weil der Transport dauert, kommen Preisänderungen deshalb oft mit Verzögerung an“, erläutert der Ökonom.
Förderengpässe, gestörte Lieferketten und Nadelöhre beim Transport treiben die Preise an der Zapfsäule kräftig nach oben. In der Finanzkrise 2008 gab es diese Probleme nicht. In einer solchen Lage genügt es schon, wenn das Angebot um wenige Prozent sinkt, damit die Preise deutlich steigen.
Europa auf Importe angewiesen
Laut dem europäischen Automobilherstellerverband ACEA fahren 38,4 Prozent der Pkw in Europa mit Diesel. In den USA tanken dagegen vor allem Lastwagen Diesel, Pkw mit Dieselmotor sind dort selten.
Europa produziert jedoch nicht genug Diesel, um den eigenen Bedarf zu decken, erklärt Meys. Der Kontinent ist daher auf andere Lieferanten angewiesen, vor allem im Nahen Osten. Das erklärt zu einem großen Teil, warum Diesel deutlich stärker zugelegt hat als Benzin. Zudem soll US-Präsident Donald Trump Berichten der vergangenen Woche zufolge ein Exportverbot für Diesel für 90 Tage vorbereiten. Bestätigt ist das bislang nicht.
Raffinerien verdienen kräftig mit
Bevor Rohöl an der Tankstelle ankommt, muss es raffiniert werden. Auch das kann den Preis an der Zapfsäule nach oben treiben. Zudem erzielen die Hersteller heute weit höhere Margen als früher, sagt Meys und stützt sich dabei auf französische Daten. „Betrachtet man nur die Margen der Raffinerien, sind sie zwischen Februar und September dieses Jahres regelrecht explodiert, um mehr als 173 Prozent.“
Zahlen des LSEG (London Stock Exchange Group), der Europäischen Kommission und der Europäischen Zentralbank bestätigen diesen Anstieg. In der letzten Februarwoche kostete ein Liter Diesel im Euroraum durchschnittlich 1,63 Euro, davon entfielen 0,13 Euro auf die Raffinerien. In der dritten Juliwoche waren es 1,98 Euro, davon allein 0,38 Euro für die Raffinerien. Das entspricht laut einem Blogbeitrag der EZB einem Plus von 168 Prozent.
Steuern und Wechselkurs verstärken den Anstieg
Auch die Steuern spielen eine Rolle, sagt Meys. Ein Teil davon, die Verbrauchsteuer (Akzise), bleibt stabil. In Luxemburg beträgt sie pauschal 0,422 Euro pro Liter. In den Nachbarländern liegt sie höher, in Frankreich etwa seit dem 1. März bei 0,6075 Euro. Hinzu kommt die Mehrwertsteuer. Sie wird laut EZB „als fester Prozentsatz auf den Nettopreis und die Verbrauchsteuern erhoben“. Ihr Satz unterscheidet sich von Land zu Land, liegt aber meist bei rund 20 Prozent. Auch sie treibt den Endpreis nach oben, so der Ökonom der Fondation Idea.
Da die meisten Ölgeschäfte in US-Dollar abgerechnet werden, beeinflusst schließlich auch der Wechselkurs zwischen Euro und Dollar die Preise an der Zapfsäule. Ende Februar 2026 war ein Euro 1,18 Dollar wert. Bis September legte der Dollar zu, ein Euro entsprach nur noch 1,135 Dollar. Das ist ein Unterschied von rund vier Prozent, rechnet Meys vor. Noch wirkt sich das kaum aus. Künftig könnten Wechselkursschwankungen aber stärker ins Gewicht fallen.
Mehrere Faktoren summieren sich
Der Ölpreis allein erklärt also nicht mehr, was Autofahrer an der Zapfsäule bezahlen. Zwar ist er seit dem Frühjahr gesunken, doch andere Faktoren haben übernommen. Der Konflikt im Nahen Osten und die Blockade der Straße von Hormus belasten sowohl die Förderung als auch den Transport von Öl. Europa produziert zu wenig Diesel und hängt von Importen ab, deshalb trifft es diesen Kraftstoff am stärksten. Die Raffinerien verdienen deutlich mehr, und die Mehrwertsteuer verstärkt als prozentualer Aufschlag jede Preiserhöhung. Erst alle diese Faktoren zusammen, weit mehr als der Rohölpreis, erklären die aktuellen Rekordpreise.
Tags