Die Auto China 2026 öffnete am 24. April in der chinesischen Hauptstadt ihre Tore. Mit 380.000 m² Ausstellungsfläche und 181 Weltpremieren bestätigt die Messe ihren Status als führendes Automobilereignis der Welt – auf einem Markt, der sich grundlegend gewandelt hat.
Die 19. Ausgabe des Internationalen Automobilsalons von Peking, offiziell unter dem Namen Auto China 2026, öffnete am 24. April in einem noch nie dagewesenen Format. Erstmals in seiner Geschichte wurde die Messe an zwei Standorten ausgetragen: dem China International Exhibition Center in Shunyi, dem historischen Messegelände in der Nähe des Flughafens, und dem neuen Capital International Convention and Exhibition Center. Die Gesamtfläche beträgt 380.000 Quadratmeter, verteilt auf 17 Hallen – etwa das Fünffache der Fläche des Pariser Automobilsalons in seiner letzten Ausgabe. Die Messe zog mehr als 2.000 Unternehmen aus 21 Ländern und Regionen an, mit 1.451 ausgestellten Fahrzeugen, darunter 181 Weltpremieren und 71 Konzeptfahrzeuge – Rekordzahlen laut den Veranstaltern.
Eine Messe, die den Zustand des chinesischen Marktes widerspiegelt
Diese Dimensionen sind kein bloßes Marketinginstrument. Sie spiegeln die Realität eines Marktes wider, der sich zum mit Abstand größten Automobilmarkt der Welt entwickelt hat. Im Jahr 2025 übertrafen Produktion und Absatz die Marke von 34 Millionen Fahrzeugen, davon mehr als die Hälfte mit alternativen Antrieben. Es ist das erste Mal in der Geschichte der Branche, dass ein einzelner nationaler Markt die symbolische Schwelle überschreitet, bei der elektrifizierte Fahrzeuge Verbrenner in den Verkaufszahlen überholen. Die chinesischen Exporte haben zudem die Sieben-Millionen-Einheiten-Marke geknackt und belegen damit die zunehmende Internationalisierung der heimischen Hersteller.
Dieses Wachstumsumfeld ist nicht frei von Spannungen. Der Wettbewerb unter den chinesischen Herstellern ist erbittert, die Preise geraten unter Druck, und mehrere Marken haben trotz steigender Stückzahlen erhebliche Verluste verbucht. Der kombinierte Marktanteil von Audi, BMW und Mercedes-Benz in China ist von knapp 20 % im Jahr 2020 auf unter 10 % Anfang 2026 gesunken. Der Rückzug der historischen Joint Ventures, die den chinesischen Markt zwei Jahrzehnte lang beherrschten, ist inzwischen struktureller Natur.
Die Messetrends: Künstliche Intelligenz im Mittelpunkt
Die Ausgabe 2026 stand unter dem Motto „Die Ära anführen, intelligente Zukunft“. Diese Positionierung spiegelt das wider, was auf den Ständen zu sehen ist: Eingebettete künstliche Intelligenz ist zum wichtigsten Wettbewerbsfeld zwischen den Herstellern geworden – noch vor reiner Fahrleistung oder Reichweitenangaben.
Zu den prägenden Trends zählen großformatige Luxus-SUVs, die im Mittelpunkt stehen. Zahlreiche Hersteller wie Zeekr, Geely, BYD, Arcfox, Aito und Xpeng präsentierten großvolumige Fahrzeuge, die häufig als „Big 8″ oder „Big 9″ bezeichnet werden – in Anlehnung an ihre Größe und an in der chinesischen Kultur als glücksbringend geltende Zahlen. In diesem Segment stellt die Preisgestaltung der chinesischen Modelle eine direkte Herausforderung für europäische Wettbewerber dar: Die elektrische Limousine Maextro S800, ein Gemeinschaftsprojekt von Huawei und JAC zum Preis von einer Million Yuan (rund 125.000 Euro), verkauft sich in China inzwischen doppelt so häufig wie die Porsche Panamera oder die BMW 7er-Reihe.
Der andere prägende Trend ist das erschwingliche elektrische Stadtauto. Nahezu jede große Marke zeigt mindestens ein kompaktes Modell unter 100.000 Yuan (rund 12.800 Euro). Leapmotor, ebenfalls auf der Messe vertreten, stellte eine überarbeitete Version seines B05 vor, ein kompaktes Elektrofahrzeug, das bereits ab Sommer 2026 in Europa erwartet wird. Erstmals führte die Messe zudem ein Co-Ausstellungsformat ein, bei dem Hersteller und Zulieferer in einer gemeinsamen Halle präsent sind – ein Ausdruck der vertikalen Integration, die die chinesische Automobilindustrie zunehmend kennzeichnet.
Europäische Hersteller in defensiver Aufstellung
Mit Ausnahme einiger Ultra-Luxusmarken war nahezu die gesamte ausländische Herstellerschaft in Peking vertreten, mit neu elektrifizierten Modellpaletten, die eigens für den chinesischen Markt entwickelt wurden. Volkswagen, dessen historische Dominanz in China heute ernsthaft unter Druck steht, zeigte die offensivste Haltung. Der deutsche Konzern bekräftigte die Beschleunigung seiner Strategie „In China, für China“ mit vier Weltpremieren, die beim Presseabend vor der Eröffnung vorgestellt wurden. Allein im Jahr 2026 plant Volkswagen, mehr als 20 neue elektrifizierte Modelle auf dem chinesischen Markt einzuführen, mit dem Ziel von 50 Modellen bis 2030.
Das Herzstück der Volkswagen-Präsentation ist der ID. ERA 9X, eine fünf Meter lange Elektrolimousine, die in nur 24 Monaten in Zusammenarbeit mit dem chinesischen Hersteller Xpeng entwickelt wurde. Die Limousine vereint ein erweitertes Fahrerassistenzsystem der Stufe 2, einen Hochleistungsrechner und intuitive KI-Assistenten. Das Design setzt auf bündige Türgriffe, plastisch geformte Kotflügel und einen in die B-Säule integrierten Face-ID-Sensor. Antriebsseitig dürfte die Limousine die Konfiguration des ID. Unyx 08 übernehmen, mit einer Leistung von 308 bis 496 PS je nach Version, auf einer 800-Volt-Architektur mit Ladeleistungen von über 300 kW. Gefertigt wird der ID. ERA 9X vom Joint Venture Volkswagen Anhui in Hefei; er ist das zweite gemeinsam mit Xpeng entwickelte Elektrofahrzeug und wird außerhalb Chinas nicht angeboten.
Mercedes-Benz präsentierte in Peking 40 Modelle, darunter die Weltpremiere des neuen elektrischen GLC mit langem Radstand auf der MB.EA-Plattform in 800-Volt-Architektur. Audi deckte sowohl das Verbrenner- als auch das Elektrosegment ab – unter anderem mit dem A6L e-tron auf der PPE-Plattform und einem neuen A6L mit Verbrenner, der erstmals das intelligente Fahrsystem Huawei Qiankun integriert. Peugeot und Citroën, drei Jahre lang von großen Messen abwesend, kündigten ihre Rückkehr auf den chinesischen Markt an. Tesla hingegen war ohne Stand vertreten – eine Abwesenheit, die angesichts des starken Wettbewerbs im Segment der elektrischen Familien-SUVs mehr Gewicht hat als sonst.
Mini: Wenn Individualisierung zur Strategie wird
Abseits des Trubels der großen chinesischen Stände wählte Mini einen radikal anderen Ansatz. Die Marke belegte einen großen Stand mit nicht weniger als 14 ausgestellten Fahrzeugen, von denen keines eine Modellneuheit im klassischen Sinne darstellt. Der Fokus liegt auf Personalisierung und kreativen Kooperationen, womit sich Mini weniger als Hersteller denn als Ausdrucksplattform positioniert.
Das Herzstück des Stands ist der Mini Countryman x Vagabund, ein Einzelstück aus einer Zusammenarbeit mit dem österreichischen Designstudio Vagabund, das auf dem Countryman basiert und den Geist des Abenteuers, der Gemeinschaftskultur und des Festival-Lifestyles feiert. Das Konzept besticht durch ein Offroad-Karosserie-Kit, maßgeschneiderte Accessoires und eine selbstbewusste Ästhetik, die sich an ein junges, urbanes Publikum richtet. Die Marke zeigte zudem die Chinapremiere des Mini x Deus „The Skeg“, einer elektrischen Version mit halbdurchsichtigem Glasfaserkarosserie und Surf- und Freiheitsreferenzen. Die Mini Paul Smith Edition feierte ihren ersten Auftritt in China und vereint das charakteristische Markendesign mit dem Stil des britischen Designers.
Angesichts der Flut chinesischer Elektrofahrzeuge auf der Messe setzt Mini darauf, durch Design, Individualisierung und Premiumimage zu bestehen – statt in einen Spezifikationen- oder Preiskampf einzusteigen. Der Peking-Stand gleicht weniger einer klassischen Automobilpräsentation als einer Ausstellung von Persönlichkeiten, bei der jedes Fahrzeug eine eigene Interpretation der Marke verkörpert.
Eine Messe von wachsender Bedeutung für die globale Industrie
Der Aufstieg der Auto China vollzieht sich vor dem Hintergrund eines Bedeutungsverlusts der großen westlichen Automobilmessen. Frankfurt und Genf haben ihr Format verkleinert, während Paris Mühe hat, das Niveau vor der Pandemie zurückzugewinnen. Peking und Shanghai, im jährlichen Wechsel, haben sich als die beiden unverzichtbaren Branchentermine etabliert.
Anwesende Fachleute betonen, dass chinesische Hersteller nicht mehr nur Fahrzeuge verkaufen, sondern integrierte digitale Plattformen, die das Auto mit allen Bereichen des vernetzten Lebens der Fahrer verbinden. Diese Entwicklung verändert die Erwartungen der Verbraucher auf allen Märkten. Laut dem Beratungsunternehmen Horváth ist etwa jeder zweite europäische Verbraucher bereit, den Kauf eines chinesischen Autos in Betracht zu ziehen, und der Marktanteil chinesischer Marken überschreitet in einigen Regionen wie Norwegen, dem Vereinigten Königreich und Italien bereits die 10-%-Marke.
Für die globale Automobilindustrie ist die Botschaft des Pekinger Salons 2026 unmissverständlich: China ist nicht länger nur ein zu erobernder Markt – es ist der Ort, an dem die Zukunft der Branche entschieden wird.