Am Montag, dem 1. September 2025, starben gegen 18 Uhr fünf Menschen bei einem schweren Frontalzusammenstoβ zweier Fahrzeuge auf der N15 zwischen Feulen und Heiderscheid. In den Medien kam die Frage auf, wie es zu dem Unfall kommen konnte. Eine Untersuchung des Hergangs wurde angekündigt.
Szenenwechsel: Am Dienstag, dem 2. September, befahre ich die CR178 zwischen Schleiwenhaff und Reckingen / Mess. Diese Landstraße hat verschiedene Kurven und Steigungen, verläuft über eine Böschung und ist gröβtenteils nur schwer einsehbar. An diesem Abend ist der Verkehr im Süden wie üblich dicht und es fahren viele Autos in Richtung Reckingen. Vor mir befinden sich drei Fahrzeuge und einige weitere folgen mir. Auf dieser Strecke werde ich innerhalb von zehn Minuten drei gefährliche Überholmanöver beobachten.
Schon in der ersten Kurve vor der Böschung spüre ich förmlich die Ungeduld der Fahrer vor mir. Ein voll besetztes Taxi und ein Familienwagen befinden sich hinter einem Lastwagen, der aber zügig fährt. Die Autos hinter dem Lkw ziehen ständig nach links, um zum Überholen anzusetzen. Auf dem steilen Anstieg nach Roedgen unterlassen sie es jedoch. Wegen der begrenzten Beschleunigungsmöglichkeit, einer unübersichtlichen Kurve und schnellem Gegenverkehr wäre das Überholen auch sehr riskant.
Im Dorf Roedgen ist es dann so weit: Das Taxi wittert seine Chance vor der Steigung und einer nicht einsehbaren Kurve und setzt zum Überholen an. Ich halte den Atem an, aber glücklicherweise kommt erst eine Minute später Gegenverkehr (Sie spüren meinen Sarkasmus).
Jetzt ist der Familienwagen dran. Er überholt den Lastwagen auf der langen Geraden in Richtung Reckingen mit überhöhter Geschwindigkeit. Ich bin nun direkt hinter dem Lastwagen und bleibe hinter ihm, weil er noch immer zügig fährt, der Verkehr in hohem Tempo entgegenkommt und einige Kurven vor uns liegen.
Zu meiner großen Überraschung und meinem großen Entsetzen sehe ich in meinem Spiegel, dass der rote Lieferwagen hinter mir zum Überholen ansetzt. Er fährt nicht nur an mir, sondern auch an dem Lastwagen vorbei. Er schafft es gerade noch, vor dem Lastwagen wieder rechts einzuscheren, und vermeidet so eine Kollision mit einem entgegenkommenden Auto.
Was ist hier passiert? Drei Autofahrer haben innerhalb von zehn Minuten sowohl ihre eigene Gesundheit und ihr Leben aufs Spiel gesetzt als auch das vieler anderer. Täglich kommt es auf dieser Strecke zu solchen Szenen, manchmal sogar zu noch schlimmeren, vor allem, wenn beim Überholen Radfahrer entgegenkommen.
Angesichts meiner langen Erfahrung im luxemburgischen Verkehr habe ich den Eindruck, dass sich solche Fälle immer häufiger ereignen.
Was ist die Ursache? Ich bin weder Psychologe noch Verkehrsspezialist, und es gibt bestimmt mehrere Ursachen, aber ich wage mich doch, ein paar Hauptgründe zu nennen:
- Fahrer, die sich in ihrer Freiheit beim Fahren eingeschränkt fühlen
- der Wunsch, diese Freiheit – koste es, was es wolle – direkt wiederzuerlangen
- das Gefühl, unverwundbar zu sein
- das komplette Fehlen von Kontrollen und Konsequenzen
Der erste Punkt hat sicherlich mit Druck und Stress im Alltag zu tun. Der zweite ebenso, und er wird durch eine Gesellschaft verstärkt, in der – nicht zuletzt durch Technologie – Wünsche sofort erfüllt und belohnt werden sollen. Der dritte Punkt wiederum ist das Ergebnis einer Gesellschaft, in der man sich für Risiken nicht verantwortlich fühlt, sondern sie auf andere überträgt. Der vierte Grund hängt damit zusammen, dass man im täglichen Straßenverkehr kaum Polizei sieht und Blitzer, die Leben retten können, einen schlechten Ruf haben. So zieht gefährliches Verhalten kaum Konsequenzen nach sich.
Die ersten drei Ursachen sind schwer anzugehen, auβer, indem man immer wieder die Konsequenzen vor Augen führt. Der letzte Punkt lässt sich einfacher und effektiver lösen. Werden Regeln weder kontrolliert noch eingehalten, herrschen Anarchie und das Recht des Einzelnen. Um das Schlimmste zu verhindern, sind mehr Kontrollen und Blitzer auf den Straßen notwendig, und zwar jetzt!
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