Eine groß angelegte Umfrage unter knapp 3.700 Einwohnern zeigt: Luxemburg wird noch weitgehend vom Auto dominiert, aber das Fahrrad gewinnt an Bedeutung – vorausgesetzt, die Infrastruktur hält Schritt.
In Luxemburg ist das Auto König. Das ist das eindeutige Ergebnis einer im Februar durchgeführten Umfrage unter ACL-Mitgliedern in Zusammenarbeit mit Euroconsumers. Doch hinter dieser Dominanz des Autos zeigen die Daten auch: Das Fahrrad nimmt im Alltag der Einwohner Luxemburgs immer mehr Raum ein, wenngleich anhaltende Hindernisse bestehen.
Ein Land auf vier Rädern
Die Zahlen sprechen für sich: 46 Prozent der Befragten nutzen ihr privates Auto an sechs bis sieben Tagen pro Woche. Gerade einmal 0,8 Prozent geben an, nie hinter dem Steuer zu sitzen. Andererseits fährt knapp die Hälfte der Befragten (49 Prozent) nie Fahrrad. Ein starker Unterschied.
Die andere Hälfte, die der Rad fahrenden Bevölkerung, ist recht aktiv. Etwa ein Viertel der Einwohner nutzt das Fahrrad mindestens einmal pro Woche, 12 Prozent treten an ein bis zwei Tagen in die Pedale, 8 Prozent an drei bis fünf Tagen und 4 Prozent nahezu täglich. Das ist keineswegs vernachlässigbar in einem Land, in dem hügeliges Terrain und wechselhaftes Wetter nicht immer zum Radeln einladen.
Warum entscheiden sich Menschen in Luxemburg fürs Rad?
Die Umfrage zeigt, dass das Fahrrad in Luxemburg vor allem für Freizeit und Sport genutzt wird. Radausflüge stehen an erster Stelle: 84 Prozent der befragten Radfahrer treten zumindest gelegentlich zu diesem Zweck in die Pedale, dicht gefolgt vom Wunsch nach körperlicher Betätigung (81 Prozent). Auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet unternehmen 43 Prozent der Einwohner Ausflüge mit dem Fahrrad, 42 Prozent setzen es für Sport ein.
Im Alltag spielt es weniger eine Rolle. Nur 30 Prozent der Einwohner nutzen das Fahrrad für Besorgungen und alltägliche Wege, 21 Prozent für den Weg zur Arbeit oder zur Schule. Diese Zahl ist allerdings automatisch etwas niedriger, da auch Rentner, Hausfrauen und -männer sowie Arbeitssuchende an der Befragung teilnahmen. Betrachtet man ausschließlich Berufstätige und Studierende – also die einzigen Personen mit Arbeitsweg – klettert der Anteil auf 26 Prozent. In einigen Städten ist das Rad sehr beliebt: In Luxemburg-Stadt fährt die Hälfte der erwerbstätigen Radfahrer wöchentlich mit dem Rad zur Arbeit, in Esch-sur-Alzette tun dies 44 Prozent.
Unterschiede zeigen sich auch zwischen den Generationen und Geschlechtern. Männer sind deutlich eher geneigt, Fahrrad zu fahren als Frauen (57 Prozent der männlichen Befragten sind Radfahrer, gegenüber 43 Prozent der Frauen). Die 55- bis 74-Jährigen steigen am regelmäßigsten aufs Rad: 29 Prozent von ihnen wöchentlich. Bei den 18- bis 34-Jährigen sind es nur 19 Prozent. Dies erklärt sich vermutlich dadurch, dass Rentner und Personen am Ende ihrer Berufslaufbahn über mehr Freizeit verfügen und das Radfahren in dieser Generation tiefer verwurzelt ist.
Die wichtigsten Zahlen
49 Prozent der Einwohner fahren nie Fahrrad, die andere Hälfte tritt zumindest gelegentlich in die Pedale.
4,2 / 10 — So bewerten die Befragten das Sicherheitsgefühl, wenn sie die Straße mit motorisierten Fahrzeugen teilen. Der niedrigste Wert der gesamten Umfrage.
19 Prozent der Frauen, die nicht mit dem Rad fahren, nennen das Unfallrisiko als Hauptgrund — doppelt so viele wie bei den Männern (9,5 Prozent).
23 Prozent der Radfahrer waren in den vergangenen fünf Jahren in einen Fahrradunfall verwickelt. In Luxemburg-Stadt liegt dieser Wert bei 30 Prozent.
81 Prozent der Radfahrer sind der Ansicht, dass die Regierung mehr Radwege schaffen sollte. 47 Prozent der Nicht-Radfahrer teilen diese Meinung.
Weshalb so viele aufs Radfahren verzichten
Die Antworten der 1.368 Personen, die nie aufs Fahrrad steigen, geben ein aufschlussreiches Bild der strukturellen Herausforderungen des Landes. Ein Viertel besitzt nicht einmal ein Rad. Jeder Fünfte bevorzugt andere Verkehrsmittel (20 Prozent). Besorgniserregend ist der dritte Grund: 15 Prozent der Nicht-Radfahrer schrecken vor dem Unfallrisiko zurück und verspüren ein Gefühl der Unsicherheit im Straßenverkehr.
Insbesondere Frauen fühlen sich mit dem Rad auf der Straße nicht sicher: 19 Prozent nennen dies als Hauptgrund, bei den Männern sind es nur 9,5 Prozent. Auch im Alter nimmt das ungute Gefühl zu: 19 Prozent der 55- bis 74-Jährigen geben dies als Grund an, 8 Prozent sind es unter den 18- bis 34-Jährigen. Weitere Hindernisse sind eine Infrastruktur, die nicht für Radfahrer ausgelegt ist (7 Prozent), die Topografie des Landes (5 Prozent) und die Wetterbedingungen (5 Prozent).
Radeln für die Gesundheit und die Umwelt
Für diejenigen, die in die Pedale treten, sind die Beweggründe klar. Die meisten nennen Fitness und Gesundheit (85 Prozent) vor Umweltaspekten (73 Prozent). Es folgen praktische Erwägungen: Vermeidung von Staus und Parkplatzproblemen (53 Prozent), Schnelligkeit der Fortbewegung (49 Prozent), Flexibilität (49 Prozent) und geringe Kosten (47 Prozent).
Bei jenen, die mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren, fallen diese praktischen Vorteile noch stärker ins Gewicht: 70 Prozent schätzen es, Staus umgehen zu können, und 67 Prozent betrachten das Fahrrad als schnelles Fortbewegungsmittel. In einem Land, in dem Staus ein tägliches Übel sind, erscheint das Fahrrad diesen Pendlern als besonders praktische Lösung.
Ein kritischer Blick auf die Infrastruktur
Viele Befragte bemängeln die Bedingungen für Radfahrer. Auf einer Skala von 1 bis 10 erreicht die Gesamtzufriedenheit mit dem Radwegenetz lediglich 5,2 auf Gemeindeebene und 5,4 auf nationaler Ebene – gerade noch passabel. Etwas schlechtere Noten gibt es für die Lückenlosigkeit des Netzes (5,0), die Verbindungen (4,9 auf nationaler Ebene), seine Sicherheit und Attraktivität (4,8 auf lokaler Ebene) sowie die verfügbaren Fahrradeinrichtungen (4,7 auf lokaler Ebene).
Die Sicherheit stellt den größten Schwachpunkt dar. Die schlechteste Note in der gesamten Umfrage gibt es für das Sicherheitsgefühl, wenn die Straße mit anderen Fahrzeugen geteilt wird: 4,3 auf Gemeinde- und 4,2 auf nationaler Ebene. Kaum besser sind die Noten bei der Sicherheit im Hinblick auf Diebstahl und Vandalismus (4,5 bzw. 4,4). Nur die Qualität des Straßenbelags (6,1 und 6,2) und der Luft (5,8) erzielen ordentliche Werte.
Die Unterschiede zwischen den Gemeinden sind frappierend. Die besten Ergebnisse erzielen Bartringen (Gesamtzufriedenheit 6,7), Mamer (6,1) und Mersch (6,0). Das Schlusslicht ist Esch-sur-Alzette mit einem Zufriedenheitswert von nur 5,2, besonders unzufrieden sind die Bürger hier mit dem Schutz vor Diebstahl (3,6) und der gemeinsamen Straßennutzung mit anderen Verkehrsteilnehmern (3,6).
Drei Kernbotschaften
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- Das Potenzial für das Radfahren ist groß und weitgehend Die Hälfte der Bevölkerung fährt nie Fahrrad. Die andere Hälfte nutzt das Rad oft sehr aktiv und sieht darin vielfältige Vorteile. Der Hebel, um mehr Menschen für das Radfahren zu gewinnen, liegt nicht in der Aufklärung über die Vorzüge, denn diese sind bereits weitgehend anerkannt. Vielmehr müssen Hürden aus dem Weg geräumt werden: Bedenken hinsichtlich der Verkehrssicherheit, mangelnde Infrastruktur und fehlende durchgängige Radwege.
- Die Sicherheit ist die Achillesferse der luxemburgischen Radverkehrspolitik. Ob das Unsicherheitsgefühl von Nicht-Radfahrern, die katastrophale Bewertung der gemeinsamen Straßennutzung mit motorisierten Fahrzeugen oder die hohe Unfallrate: Alles führt zur selben Diagnose. Radfahren in Luxemburg wird noch immer als riskant wahrgenommen und auch so Dies ist das erste Hindernis, das beseitigt werden muss, um mehr Menschen zum Radfahren zu bringen, insbesondere Frauen und ältere Menschen, die diese Unsicherheit am stärksten vom Radfahren abhält.
- Die bestehende Infrastruktur überzeugt nicht einmal die Nutzer, für die sie gemacht ist. Wenn eine Mehrheit der Radfahrer Radwege umfährt, weil sie schlecht konzipiert, lückenhaft oder blockiert sind, ist das ein Zeichen dafür, dass das Problem auch qualitativer Art ist. Es reicht nicht, einfach mehr Radwege zu bauen. Die Herausforderung für die öffentliche Hand besteht darin, ein gut unterhaltenes, verbundenes und durchgängiges Radwegenetz zu schaffen, das vom motorisierten Verkehr getrennt ist.
Spannungen zwischen Rad- und Autofahrern
Die Umfrage zeigt, wie stark die Spannungen zwischen den Verkehrsteilnehmern sind. Rund 50 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass Radfahrer die Straßenverkehrsordnung nicht einhalten, 55 Prozent sehen in Radfahrergruppen (Touristen, Sportvereine) eine häufige Ursache für Konflikte im Verkehr. Zugleich meinen etwa 35 Prozent, dass Autos und Motorräder Radfahrer nicht respektieren, 24 Prozent richten denselben Vorwurf an Busfahrer.
Die Wahrnehmung unterscheidet sich, je nachdem, ob man Radfahrer ist oder nicht. Auf einer Skala, bei der 1 „keine Zustimmung“ und 3 „volle Zustimmung“ bedeutet, bemängeln Nicht-Radfahrer deutlich stärker Verstöße von Radfahrern (durchschnittlicher Zustimmungswert von 2,46 gegenüber 2,01 bei den Radfahrern). Umgekehrt beklagen Radfahrer mangelnden Respekt von Autofahrern ihnen gegenüber (Wert von 2,15 gegenüber 1,83 bei den Nicht-Radfahrern). Jede Seite neigt dazu, das eigene Fehlverhalten herunterzuspielen und das der anderen Seite hervorzuheben.
Eine große Mehrheit (64 Prozent) ist der Meinung, dass die Regierung mehr Radwege schaffen sollte. Zwar stimmen Radfahrer (81 Prozent) dem eher zu als Nicht-Radfahrer (47 Prozent), doch finden hier beide Seiten insgesamt einen Konsens.
Riskante Verhaltensweisen
Die Umfrage offenbart auch besorgniserregende Verhaltensweisen unter den Radfahrern. Das Tragen eines Helms ist inzwischen bei vielen Usus – 71 Prozent der Radfahrer tragen ihn sehr oft und weitere 6 Prozent oft. Problematischer ist, dass rund 20 Prozent der Radfahrer zugeben, zumindest gelegentlich Ampeln und Verkehrsschilder zu missachten. 30 Prozent fahren häufiger auf Gehwegen oder in Fußgängerzonen.
Noch zu selten wird darauf geachtet, am Tag besser gesehen zu werden: Nur 57,5 Prozent der Radfahrer verwenden tagsüber stets oder häufig eine Beleuchtung und Reflektoren. Bei Dunkelheit hingegen achtet die große Mehrheit (88 Prozent) darauf.
Radwege werden nicht immer genutzt. Elf Prozent umgehen sie oft oder sehr oft. Nur 35 Prozent meiden sie nie. Der Hauptgrund fürs Ausweichen? Die Konzeption der Radwege wird als mangel- oder lückenhaft empfunden (40 Prozent der Antworten). Auch Hindernisse wie parkende Autos, Baustellen und Fußgänger (20 Prozent) halten Radfahrer ab, die für sie vorgesehenen Wege zu nutzen.
Diebstahl, Vandalismus und viele Unfälle
In den vergangenen fünf Jahren erlebten 9,5 Prozent der Radfahrer, dass ihr Rad gestohlen wurde, elf Prozent waren von Vandalismus betroffen. Noch beunruhigender: 23 Prozent waren in einen Fahrradunfall verwickelt. Luxemburg-Stadt verzeichnet die höchsten Zahlen mit 19 Prozent bei den Diebstählen, 16 Prozent bei Vandalismus und vor allem 30 Prozent bei den Unfällen – eine Zahl, die zu denken gibt.
Bei 50 Prozent der Personen, die einen Unfall erlitten, war niemand anderes beteiligt, was auf Probleme an der Infrastruktur hinweist (Straßenzustand, Radweggestaltung). Bei 39 Prozent der Fälle handelte es sich um Kollisionen mit einem Auto. Das zeigt, wie gefährlich es ist, wenn sich Radfahrer und andere Verkehrsteilnehmer die Straße teilen.
Fazit
Die Umfrage zeichnet das Bild eines Luxemburgs, das bei der nachhaltigen Mobilität am Scheideweg steht. Radfahrer schätzen das Radfahren, nehmen es als gesundheitsfördernd und umweltfreundlich wahr. Für viele von ihnen ist es im Alltag eine echte Alternative zum Auto – insbesondere in Städten mit viel Stau. Doch dieses Potenzial stößt auf ein Fahrrad-Ökosystem, das die eigenen Nutzer als unzureichend bewerten: unterbrochene Radwege, ein allgegenwärtiges Unsicherheitsgefühl und ein schwieriges Miteinander mit dem motorisierten Verkehr.
Die Meinungen sind nahezu einhellig: Es braucht mehr Radwege – ein klares Signal an die politischen Entscheidungsträger. Doch die wichtigste Erkenntnis aus dieser Umfrage liegt vielleicht an anderer Stelle: Problematisch ist weniger die Anzahl der Radwege, sondern ihre Qualität, das heißt ihre Lücken und das Gefühl der Unsicherheit, das sie aktuellen und potenziellen Radfahrern vermitteln. Die bestplatzierten Gemeinden wie Bartringen und Mersch zeigen, dass es besser geht. Die Herausforderung besteht nun darin, diese bewährten Lösungen im ganzen Land anzuwenden, wenn Luxemburg die 49 Prozent Nicht-Radfahrer davon überzeugen will, aufs Rad zu steigen.
Methodik: Online-Umfrage im Februar 2026 unter ACL-Mitgliedern. 3.699 gültige Antworten (Fragebögen auf Französisch, Deutsch und Englisch). Stichprobe gewichtet nach Geschlecht, Alter, Staatsangehörigkeit, Region und Bildungsniveau der luxemburgischen Bevölkerung im Alter von 18 bis 74 Jahren.
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