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Oder ist es vielmehr überholt? Auch wenn Hersteller ihre Vorgaben heute weniger streng formulieren als früher, gelten noch immer die Regeln der Mechanik. Wir erklären, worauf Besitzer eines Neufahrzeugs auf den ersten Kilometern achten sollten.

Lange Zeit galt das Einfahren eines Neuwagens als unverzichtbar. Heute scheint es, als sei es eine Praxis aus früheren Zeiten. In Autohäusern ist der Diskurs oft beschwichtigend, fast vereinfachend: Das Einfahren sei bei modernen Motoren nicht mehr nötig, heißt es teilweise. Das klingt verlockend, doch muss man dies mit Blick auf die Mechanik nuanciert betrachten. Denn auch wenn der industrielle Fortschritt die Art und Weise, wie Motoren konstruiert und hergestellt werden, grundlegend verändert hat, sind die Gesetze der sogenannten Tribologie noch immer gültig – also jener Wissenschaft, die sich mit Reibung, Verschleiß und Schmierung befasst.

Herstellung von Motoren hochpräzise

In der Tat kam es zu bedeutenden Fortschritten in den vergangenen Jahrzehnten. Die Motorenentwickler von Konzernen wie Toyota Motor Corporation, BMW Group oder Mercedes-Benz Group stützen sich heute auf eine extrem präzise Verarbeitung in der Produktion. Toleranzen werden in Mikrometern gemessen, Oberflächenbehandlungen – von Nikasil bis zu DLC-Beschichtungen – reduzieren die Reibung drastisch. Und jeder Motor wird am Ende der Fertigungslinie strengen Qualitätsprüfungen unterzogen.

In bestimmten Fällen werden die Motorblöcke sogar kurz auf einem Prüfstand betrieben, was man als eine Art Voreinfahren betrachten könnte. Diese Präzision erklärt zum großen Teil, warum die Anforderungen an Besitzer eines Neuwagens gesunken sind.

Das Einfahren jedoch als bloße Überlieferung der Vergangenheit abzutun, hieße, ein grundlegendes Prinzip zu ignorieren: In einem Verbrennungsmotor, so modern er auch sein mag, arbeiten Metallteile zusammen, die unterschiedlichen Belastungen, Temperaturen und Geschwindigkeiten ausgesetzt sind. Und diese Teile benötigen, selbst wenn sie mit größter Präzision hergestellt wurden, eine Anpassungsphase.

Oberflächen spielen sich aufeinander ein

Beim Einfahren geht es nicht nur darum, die Drehzahl des Motors zu begrenzen, sondern darum, dass sich die Oberflächen, die sich berühren, aufeinander abstimmen. Im Zylinder passen sich die Kolbenringe an die exakte Geometrie der Zylinderlaufbuchse an. Dies ist entscheidend für die Dichtheit des Brennraums und damit für den Wirkungsgrad des Motors. Eine zu starke Belastung auf den ersten Kilometern kann diesen Vorgang ungünstig beeinflussen. Gas kann in geringen Mengen entweichen, der Ölverbrauch steigt und langfristig kann es zu Kompressionsverlusten kommen. Zugleich weisen Oberflächen, auch wenn sie fein poliert sind, mikroskopische Unebenheiten auf. Das Einfahren ermöglicht einen kontrollierten Abtrag, der punktuelle Berührungsflächen in stabile Flächen verwandelt. Dies reduziert langfristig die Reibung und erhöht die Lebensdauer der Komponenten.

Das Einfahren beschränkt sich nicht nur auf den Motor. Getriebe, Lager, Antriebsstrang, Einspritzanlage und Bremssystem profitieren ebenfalls, wenn das Fahrzeug erst nach und nach stärker belastet wird. Für all diese Komponenten ist es nicht ideal, wenn sie sofort bis zum Maximum beansprucht werden.

Was die Betriebsanleitungen verraten

Auch wenn der Begriff „Einfahren“ aus der Marketingsprache zu verschwinden scheint, findet er sich in den Handbüchern nach wie vor – unter zurückhaltenderen Bezeichnungen wie „Einlaufphase“ oder „running-in period“. Dahinter steht der Wille, diesen Vorgang gegenüber dem Kunden weniger dramatisierend zu beschreiben.

Zu den Hinweisen gehört, hohe Drehzahlen zu vermeiden, den Motor in kaltem Zustand nicht voll zu belasten, die Fahrweise zu variieren und längere Strecken nicht bei konstanter Geschwindigkeit zu bewältigen. Ein Autofahrer dürfte sich, folgt er diesen Hinweisen, nicht allzu stark eingeschränkt fühlen in seiner Fahrweise. Zugleich zeigen sie, dass sich technisch nicht alles verändert hat.

Einfahren bei Motorrädern besonders wichtig

Im Zweiradbereich ist das Einfahren bedeutender. Hersteller wie Yamaha Motor Company, KTM AG oder BMW Motorrad geben ausdrücklich Regeln zum Einfahren vor, zumeist auf den ersten 1.000 bis 3.000 Kilometern. Dies liegt an den Besonderheiten von Motorrädern: höhere Drehzahlen, geringere Trägheit, stärkere thermische Beanspruchungen und generell eine dynamischere Nutzung. Während bei einem Auto kleinere Fehler beim Einfahren nicht so schnell auffallen, sind bei einem Motorrad die Folgen eher spürbar.

So funktioniert das Einfahren heute

Unter Einfahren wird heute etwas anderes verstanden als früher. Es geht nicht mehr darum, langsam zu fahren und sich in der Fahrweise einzuschränken, sondern das Auto nach und nach und flexibel zu belasten. Ein neuer Motor schätzt weder konstante Drehzahlen über längere Strecken, wie sie auf der Autobahn typisch sind, noch wenn er in kaltem Zustand abrupt stark gefordert wird. Stattdessen ist es von Vorteil, ihn progressiv zu belasten, die Drehzahl zu variieren und der Betriebstemperatur besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Dieses Vorgehen entspricht den aktuellen technischen Anforderungen, zumal moderne Motoren, die oft über einen Turbolader verfügen, bereits bei niedrigen Drehzahlen in hohen Belastungsbereichen arbeiten.

Auswirkungen auf die Lebensdauer

Die Wirkung eines sorgfältigen Einfahrens zeigt sich nicht sofort. Ein Motor, der auf den ersten Kilometern strapaziert wird, wird in den meisten Fällen ohne offensichtliche Ausfälle funktionieren. Die Unterschiede machen sich auf lange Sicht bemerkbar. Zylinderdichtheit, Ölverbrauch, Leistungsstabilität und selbst der Geräuschpegel werden davon beeinflusst. Im Hinblick auf die Langlebigkeit des Fahrzeugs und die Kosten für den Unterhalt sind das wichtige Faktoren.

Zwischen Mythos und Realität

Zu behaupten, das Einfahren existiere nicht mehr oder sei so zu handhaben wie früher, ist falsch. Die Wahrheit liegt dazwischen: Das Vorgehen hat sich verändert. Die Vorgaben sind weniger einschränkend, aber nach wie vor relevant. Aktuelle Motoren verdienen etwas Respekt. Eine behutsame Inbetriebnahme auf den ersten tausend Kilometern ist der beste Weg, ihre Leistung langfristig zu gewährleisten. In einer Automobilwelt, in der vor lauter Technologie die dahinterliegende Komplexität kaum noch sichtbar ist, erinnert das Einfahren daran, dass selbst im Zeitalter industrieller Präzision die Mechanik noch immer Zeit braucht, um sich einzuspielen.

Das Wichtigste auf einen Blick

Hohe Drehzahlen vermeiden
Bringen Sie den Motor auf den ersten tausend Kilometern nicht an die Grenze. Erhöhen Sie die Belastung schrittweise und vermeiden Sie starkes Gasgeben, wenn der Motor kalt ist.

Sorgen Sie für eine abwechslungsreiche Fahrweise
Variieren Sie Geschwindigkeiten und Drehzahlen, anstatt die Geschwindigkeit konstant zu halten, wie es auf der Autobahn typisch ist. Der Motor muss flexibel beansprucht werden, damit sich seine Bauteile korrekt anpassen können.

Achten Sie auf den Temperaturanstieg
Fordern Sie den Motor erst, wenn er seine Betriebstemperatur erreicht hat. Ein kalter Motor verträgt hohe Beanspruchungen nur schlecht.

Denken Sie auch an den Rest des Fahrzeugs
Getriebe, Bremsen, Antriebsstrang: Auch diese Teile profitieren von einer progressiven Inbetriebnahme. Das Einfahren betrifft nicht nur den Motor.