Gibt es einen besseren Weg, in die fabelhafte Geschichte von Alpine einzutauchen, als selbst ans Steuer zu greifen? Vom A106, dem ersten Serienmodell des Herstellers aus Dieppe, bis zum aktuellen A110 der zweiten Generation, dem Jubiläumsmodell R70 – was für Emotionen!
Vom Fischereihafen in Dieppe aus boten die kleinen Küsten- und Landstraßen des Hinterlands das ideale Terrain für diese auf Leichtigkeit und Agilität getrimmten Autos. Der A106 brachte gerade einmal 550 Kilogramm auf die Waage. Bei den Abmessungen dieses kleinen Biests glich der Einstieg hinter das Lenkrad bereits einer Turnübung. Doch im roten Interieur aus dem Ende der fünfziger Jahre, genauer gesagt aus dem Jahr 1959, fühlten wir uns trotz der Enge sofort wohl.
Kompliziert wurde es, wie man uns vorher gewarnt hatte, beim Schalthebel. Das handgefertigte Fünfganggetriebe Pons mit Patent Claude entstand ganz nach den Anforderungen des Rennsports. Vorne lagen, von links nach rechts, der Rückwärtsgang, der dritte und der fünfte Gang, dahinter der erste, zweite und vierte Gang.
Auf der Suche nach dem Leerlauf
Konzentriert, aber entspannt, um die schöne Mechanik nicht zu strapazieren: Hatte man mit ausgestrecktem Arm erst einmal den Leerlauf gefunden, ergab sich der Rest fast von selbst. Beim Herunterschalten halfen zwischenzeitliches Doppelkuppeln und eine schonende Fahrweise, denn die Trommelbremsen könnten sonst schnell überhitzen und an Wirkung verlieren.
Insgesamt überzeugte diese 66 Jahre alte Maschine durch ihre Effizienz: Lenkung, Bremsen und Federung reagierten zeitgemäß direkt, das Gesamtverhalten war äußerst zufriedenstellend. Technisch auf der Basis des Renault 4 CV entwickelt und von der Karosseriebaufirma Chappe et Gessalin gefertigt, verhalf dieser in 251 Exemplaren gebaute A106 Alpine-Gründer Jean Rédélé zu sportlichen Erfolgen, unter anderem bei der Mille Miglia.
Modernismus auf vier Rädern
Laut Jean-Pascal Dauce, Ingenieur und bis vor Kurzem Entwicklungschef bei Alpine, „steckt in diesen kleinen Autos etwas Freches: Sie stachen nach dem Krieg die großen, schweren und leistungsstarken Vorkriegswagen aus. Für mich ist die Leichtigkeit von Alpine der Modernismus der fünfziger Jahre.“
Für den Einstieg ins A110-Abenteuer ging es zunächst ins Cabriolet, standesgemäß in Blau lackiert und aus dem Jahr 1965. Die Sonne schien über der Region Dieppe, und die tiefe, weit vorgezogene Windschutzscheibe sorgte für Rundumsicht. 585 Kilogramm puren Fahrspaß, mit dem kleinen 1,1-Liter-Motor, der wie geschaffen war fürs gemütliche Cruisen.
Am dreispeichigen Momo-Rennlenkrad mit seinen Bohrungen ließ sich der Wagen angenehm handhaben, die Mechanik reagierte präsent und vermittelte gute Fahrgefühle. Etwas irritierend wirkte allerdings die Linienführung: Die runden Formen der Front entsprachen typisch dem A110, liefen nach hinten aber in geraden Linien aus und mündeten in ein Heck im Stil des Renault Floride oder Caravelle, mit amerikanisch anmutenden, senkrechten Heckflossen. Diese leichte stilistische Unstimmigkeit tat dem Fahrspaß jedoch keinen Abbruch.
Alpine mit Sombrero
Anders als das in Frankreich gebaute blaue Cabriolet, das von zwei Doppelvergasern von Solex versorgt wird, ist die mexikanische Version Dinalpin mit einem 1,1-Liter-Motor mit klassischen Vergasern ausgestattet. Mit 60 statt 80 PS ist sie folglich weniger leistungsstark, und mit 650 Kilogramm bringt dieses glänzende Auto aus Mittelamerika auch 65 Kilogramm mehr auf die Waage. Auf der Straße, selbst auf den unebenen Küstenstraßen hoch über den Kreidefelsen, waren diese Unterschiede jedoch kaum zu spüren.
Deutlich anders zeigte sich die A110 Berlinette 1600 S: ein Rennwagen mit dem Reihenvierzylinder der Renault 16 TS, versorgt von zwei Doppelvergasern von Weber. Mit 125 PS bei 6000 U/min und einem Gewicht von 715 Kilogramm war diese Berlinette vor allem eines: eine kleine Bombe. Wie Jean-Pascal Dauce es ausdrückt: „Mit Überrollbügeln und den passenden Reifen hat man alle Zutaten für den Rallyesport.“
Versetzte Pedale
So weit kam es nicht: Drifts durch Kreisverkehre oder Kurven auf den offenen normannischen Landstraßen standen nicht zur Debatte, hohe Drehzahlen dagegen schon. Und was für Emotionen, was für Vibrationen! Neben dem eng gestuften Getriebe, genau richtig für eine sportliche Grand Tourer, überraschte vor allem die Sitzposition: Die drei Pedale waren leicht nach rechts versetzt. Mit schräg angewinkelten Beinen streifte der linke Fuß auf der Kupplung die Rundung des Radkastens.
„Diese relative Unbequemlichkeit überrascht mich nicht“, entgegnete Jean-Pascal Dauce, „das Pedalfeld des A110 ist sehr schmal und zur Mitte hin versetzt, aber damals passte sich das Auto nicht an den Fahrer an – man musste sich selbst an das Auto anpassen!“ Gesagt, getan: Nach fünf Minuten Einstellen und Anschnallen, um das Pedalspiel einzuschätzen, ging es los, Kilometer um Kilometer puren Fahrvergnügens. Ohne Assistenzsysteme, ohne Warntöne, nur mit der beinahe symphonischen Musik des im Heck liegenden 1,6-Liter-Renault-Motors und einer idealen Verteilung der – kleinen – Massen.
Diesen Prinzipien blieb die 1955 von Jean Rédélé gegründete Marke mindestens bis zum A310 treu, der seinerzeit im selben „Esprit“ wie Lotus stand. Sie überdauerten sogar ihren Schöpfer: 2017, zehn Jahre nach dem Tod des berühmten Mannes aus Dieppe, brachte Alpine den A110 zurück, der im Gegenzug auch die Marke Alpine wiederbelebte. Die vorletzte Version, der R70, feiert nun die siebzig Jahre der Marke. Mit 300 PS, 340 Nm Drehmoment und einem Gewicht von 1085 Kilogramm empfiehlt es sich, den Vierpunkt-Hosenträgergurt von Sabelt gut festzuzurren, wie in einem Kampfjet.