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Wie viele Millimeter Profiltiefe sind bei Winterreifen wirklich nötig, um sicher zu fahren? Europäische Automobilclubs, darunter der ACL, liefern in einer bislang einmaligen Untersuchung eine Antwort in Zahlen.

Fünf Winterreifen der Dimension 185/65 R15 – Bridgestone Blizzak LM 005, Michelin Alpin 7, Kumho WinterCraft WP52+, Vredestein Wintrac und Linglong Sport Master Winter – wurden im Neuzustand getestet und anschließend maschinell auf 4 und anschließend auf 2 Millimeter abgefahren. Sie absolvierten Tests in acht Kategorien: Bremsen und Handling bei Nässe, Aquaplaning in Längs- und Querrichtung, Seitenführung, Traktion, Bremsen und Handling auf Schnee. Fünf Erkenntnisse ergeben sich aus dem Test

  1. 4 Millimeter sind kein Sicherheitspolster

In nahezu allen Fahrtests zeigt sich, dass die Sicherheit mit dem Verschleiß abnimmt. Damit bestätigt sich die Empfehlung, Winterreifen bei einer Profiltiefe von 4 Millimetern zu wechseln. Dieser Wert steht nicht für maximale Sicherheit: Ab hier beginnt ein Bereich, ab dem die Sicherheit schnell abnimmt. Der Bremsweg auf nasser Fahrbahn zeigt es: durchschnittlich 31,9 Meter im Neuzustand, bei 4 Millimetern nahezu unverändert (31,4 Meter) und schließlich 37,3 Meter bei 2 Millimetern (+17 Prozent). Bei Kumho, dem schwächsten Reifen in dieser Testkategorie, verlängert sich der Bremsweg von 31,4 auf 38,9 Meter (+25 Prozent): Bei 80 km/h und 30 Meter Distanz vor einem Hindernis würde die Aufprallgeschwindigkeit von 15 km/h im Neuzustand auf rund 37 km/h bei einer Profiltiefe von 2 Millimetern steigen.

  1. Die eigentliche Gefahr ist Aquaplaning, nicht das Bremsen

In dieser Testkategorie zeigen sich die stärksten Auswirkungen des Verschleißes. In der Geraden verlieren die Reifen im Schnitt 12,4 Prozent ihrer Leistung beim Aquaplaning längs bei einer Profiltiefe von 4 Millimetern und 22,5 Prozent bei 2 Millimetern. In der Kurve ist der Einbruch dramatisch: 24,7 Prozent bei 4 Millimetern, 52,2 Prozent bei 2 Millimetern, also mehr als die Hälfte der ursprünglichen Aquaplaningreserve. Bridgestone erzielt hier noch die besten Ergebnisse (22,6 bzw. 38,3 Prozent Verlust), Michelin die schlechtesten (23,2 bzw. 61,2 Prozent). Bei Vredestein steigt der Verlust von 28,9 auf 56,2 Prozent, bei Kumho von 25,2 auf 54,0 Prozent und bei Linglong von 23,8 auf 51,5 Prozent. Zum Vergleich: Die Kurvenstabilität bei konstanter Geschwindigkeit auf nasser Straße, ohne Aquaplaning, verliert bei 2 Millimetern im Schnitt nur 4 Prozent. Das Wasser macht also den Unterschied.

  1. Kombinierte Tests entlarven abgefahrene Reifen am deutlichsten

Der Handlingtest auf nasser Fahrbahn, der Bremsen, Beschleunigen und Richtungswechsel verbindet, ist aussagekräftiger als die einzelnen Tests. Die Rundenzeit steigt bei 4 Millimetern um 1,8 Prozent und bei 2 Millimetern um 5,4 Prozent an. Das bedeutet einen durchschnittlichen Zeitverlust von 4,5 Sekunden. Die durchschnittliche Handlingbewertung verschlechtert sich von 2,4 (neu) auf 3,4 (4 Millimeter) und schließlich auf 4,7 bei 2 Millimetern. Damit liegt der Wert im „mangelhaften“ Bereich der vom ADAC verwendeten Notenskala. Der Bridgestone ist der sicherste Reifen (Rundenzeit steigt von 86,1 auf 89,0 Sekunden; Note verschlechtert sich von 1,25 auf 3,0), während Michelin am stärksten abfällt (von 88,9 auf 94,9 Sekunden, Note rutscht von einer 3,0 auf eine 6,0, die schlechtmöglichste Note).

  1. Auf Schnee kehrt sich die Rangfolge um

Keine Marke dominiert in allen Kategorien. Bei der Traktion auf Schnee (Durchschnitt: Verlust von 8,8 Prozent bei 4 Millimetern, 15,9 Prozent bei 2 Millimetern) überzeugt Linglong mit seiner Stabilität (Verlust von 2,0 bzw. 7,9 Prozent), während Bridgestone, der auf Nässe sehr stark ist, am deutlichsten einbricht (Verlust von 15,9 bzw. 28,5 Prozent). Michelin, der auf nasser Fahrbahn Schwächen zeigte, hält sich auf Schnee erstaunlich gut, bei der Traktion wie beim Bremsen (Verlust von 9,5 und 9,4 Prozent, also nahezu unverändert). Beim Bremsen auf Schnee zeigt Bridgestone die größten Einbußen (20,4 bzw. 40,9 Prozent). Beim Handling auf Schnee, das so komplex ist, dass der ADAC seine Skala über die Note 6 hinaus erweitern musste, steigt der Durchschnittswert des Testfelds von 5,38 bei 4 Millimetern auf 7,17 bei 2 Millimetern; Bridgestone erhält dort seine schlechteste Note, 8,25 bei 4 Millimetern, also bereits außerhalb der Skala, und 11,6 bei 2 Millimetern.

  1. Die Marke zählt weniger als der Millimeter

Kein Reifen macht den Verlust an Profiltiefe über alle Tests hinweg wett. Ein Premiumreifen mit 2 Millimetern erreicht nie mehr die Reserven eines Standardreifens mit 4 Millimetern. Die Unterschiede zwischen Premium-, Quality- und Budgetreifen fallen geringer aus als die Wirkung des Verschleißes selbst. Die Untersuchung zeigt außerdem, dass sichtbare Lamellen keine zuverlässige Aussage über die tatsächliche Leistung auf Schnee erlauben.

Das sollten Sie sich merken

Wer mit dem Wechsel der Winterreifen bis zur gesetzlichen Mindestprofiltiefe von 1,6 Millimetern wartet, fährt über mehrere Tausend Kilometer mit deutlich reduzierten Sicherheitsreserven. Und die Konsequenzen folgen vor allem bei Regen, weniger auf schneebedeckter Fahrbahn. Eine regelmäßige Kontrolle der Profiltiefe mit einem Profiltiefenmesser oder, falls keiner zur Hand ist, mit dem silbernen Rand einer 2-Euro-Münze (4 Millimeter) ist unerlässlich. Reisende sollten beachten, dass die gesetzlichen Mindestwerte in Europa unterschiedlich sind: 1,6 Millimeter in Deutschland, aber 4 Millimeter in Österreich und in Tschechien. Der ADAC fordert hier eine Vereinheitlichung.