Jeden Sommer wiederholen sich die Fälle, in denen Kinder bei Hitze allein im Auto zurückgelassen werden. Inzwischen bauen Autohersteller Systeme ein, die in solchen Fällen warnen. Mehrere europäische Automobilclubs, darunter der ACL, haben sich an einer Untersuchung des ADAC beteiligt, bei der vier dieser Systeme geprüft wurden. Das Ergebnis: Es gibt Fortschritte, doch arbeitet bislang kein System fehlerfrei.
Das Szenario ist fast immer dasselbe: Der Tagesablauf weicht von der üblichen Routine ab, die Nacht war zu kurz oder ein Elternteil glaubt, der andere habe das Kind mitgenommen. Und schon bleibt das Baby angegurtet auf dem Rücksitz zurück, schlafend und unsichtbar.
Laut einer schriftlichen Anfrage in der französischen Nationalversammlung sind weltweit in 35 Jahren mehr als 1.000 Kinder unter diesen Umständen gestorben. In Frankreich wurden nach Angaben der Verbraucherschutzkommission zwischen Juni 2007 und August 2009 24 Kinder in einem Fahrzeug vergessen, fünf von ihnen starben. In den USA, wo das Phänomen als „Forgotten Baby Syndrome“ bekannt ist, kommen jedes Jahr rund 30 Kinder auf diese Weise ums Leben. Das belgische Institut Vias geht davon aus, dass in Belgien jährlich ein bis zwei Kinder aus einem Fahrzeug gerettet werden müssen.
Die Situation ist vor allem so gefährlich, weil sich der Innenraum eines Autos innerhalb kürzester Zeit in einen Backofen verwandelt. Bei der Untersuchung des ADAC wurde dies nachgewiesen: Bei 28 °C Außentemperatur steigt die Innentemperatur nach 30 Minuten auf über 45 °C und erreicht nach eineinhalb Stunden fast 60 °C. Ein Säugling, der seine Körpertemperatur schlecht regulieren und sich nicht selbst befreien kann, hat unter diesen Bedingungen keine Überlebenschance. Ein leicht geöffnetes Fenster oder ein Parkplatz im Schatten genügen nicht, um die Temperatur ausreichend zu senken.
Zwei Funktionsweisen
Nicht jedes Fahrzeug, das eine Meldung wie „Rücksitz prüfen“ anzeigt, erkennt tatsächlich, dass dort ein Kind sitzt. In der Untersuchung wurde zwischen zwei Kategorien unterschieden.
Die indirekten Systeme schauen nicht in den Innenraum. Sie ziehen Rückschlüsse: Die hintere Tür wurde vor der Fahrt geöffnet, der Gurt rastete ein, ein Sensor erkannte, dass der Sitz belegt ist – also befindet sich möglicherweise jemand auf der Rückbank. Diese Lösungen sind günstig, aber fehleranfällig: Eine Tasche auf der Rücksitzbank löst einen unnötigen Alarm aus, wohingegen ein Kind unbemerkt bleibt, wenn das System das Öffnen einer Tür nicht registriert hat.
Systeme mit direkter Messung gehen deutlich weiter. Radar, Kamera oder Ultraschall erfassen den Innenraum und suchen nach Körper- oder Atembewegungen, also kleinen Lebenszeichen. Genau das ermöglicht es theoretisch, ein schlafendes, ruhiges oder zugedecktes Kind zu erkennen.
So gingen die Tester vor
Wichtig: Es handelt sich weder um einen klassischen Vergleichstest mit Noten noch um einen Test nach dem Euro-NCAP-Protokoll. Ziel war es, zu beobachten, wie gut die Systeme in der Praxis bei aktuell verfügbaren Fahrzeugen funktionieren. Eine Rangfolge oder regulatorische Schlussfolgerungen ergeben sich daraus nicht.
Vier Fahrzeuge wurden ausgewählt: der BYD Seal, der Zeekr 001 und der BMW iX3, die über Systeme mit direkter Messung verfügen, sowie der Mercedes CLA, der ausschließlich mit Rückschlüssen arbeitet. Die Tester bildeten vier Situationen nach: ein Neugeborenen-Dummy in einer rückwärtsgerichteten Babyschale, die mit dem Fahrzeuggurt befestigt war, dieselbe Schale per Isofix befestigt, der Dummy eines einjährigen Kindes in einem vorwärtsgerichteten Isofix-Sitz und ein Hund auf der Rücksitzbank.
Welches System reagierte in welcher Situation?
| Fahrzeug | System | Neugeborenes – Schale mit Gurt befestigt | Neugeborenes – Schale per Isofix befestigt | Kind, 1 Jahr – vorwärtsgerichtet | Hund |
| BYD Seal | direkt | erkannt | nicht erkannt | erkannt | erkannt |
| Zeekr 001 | direkt | erkannt | nicht erkannt | erkannt | erkannt |
| BMW iX3 | direkt | erkannt | nicht erkannt | erkannt | erkannt |
| Mercedes CLA | Indirektes System: keine echte Erkennung. Die Anwesenheit einer Person wird lediglich aus dem Öffnen der Türen abgeleitet. | ||||
Quelle: Untersuchung zur Erkennung von Kindern im Fahrzeug, finanziert von europäischen Automobilclubs, darunter dem ACL.
Das Ergebnis: Alle drei Systeme mit direkter Messung erkennen den Dummy des einjährigen Kindes und den Hund ohne Schwierigkeiten. Alle drei scheitern jedoch daran, den Neugeborenen-Dummy in der Isofix-Babyschale zu detektieren. Die Ingenieure erklären dies damit, dass die Atmung kaum wahrnehmbar war und der Sitz die Sensorenerkennung teilweise einschränkte. Das heißt: Genau in der Situation, in der sich ein Baby häufig im Auto befindet, zeigt die Technik Schwächen.
Der BMW iX3 zeigt diese Einschränkungen deutlich. Bei der Befestigung des Sitzes mit dem Fahrzeuggurt erkennt er den Neugeborenen-Dummy ohne Probleme. Ist die Schale per Isofix angebracht, zeigen sich Schwächen. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich das System nicht allein auf Atmung oder Bewegung verlässt, sondern diese Daten mit dem Zustand des Gurtschlosses abgleicht, was grundsätzlich eine nützliche Unterstützung ist. Zugleich offenbart dies aber auch die Grenzen der reinen Erkennung.
Der Mercedes CLA nimmt eine Sonderstellung ein: Sein System erkennt die Dummys nicht eindeutig, sondern nimmt ihre Präsenz nur an. Damit lässt sich weder beim Neugeborenen- noch beim einjährigen Dummy eine tatsächliche Erkennung überprüfen.
Erkennen ist gut, alarmieren ist besser
Ein leistungsfähiger Sensor nützt nichts, wenn niemand gewarnt wird. In diesem Punkt unterscheiden sich die vier Fahrzeuge grundlegend.
| Fahrzeug | Meldung beim Aussteigen | Von außen sichtbares Signal | Hupe oder Alarm | Alarm aufs Smartphone | Meldung für Passanten |
| BYD Seal | nein | ja | ja | wenig zuverlässig | nein |
| Zeekr 001 | nein | ja | ja | nein | nein |
| BMW iX3 | nein | ja | nein | ja | ja |
| Mercedes CLA | ja | nein | nein | nein | nein |
Beobachtete Reaktion nach Erkennung eines Insassen.
BYD Seal. Verlässt der Fahrer das Auto, passiert zunächst nichts: Weder im Kombiinstrument noch auf dem Zentralbildschirm erscheint ein Hinweis, dass ein Kind erkannt wurde. Auf dem Smartphone kann eine Benachrichtigung eingehen, doch deren Zustellung erwies sich im Test als unzuverlässig. Die Meldung verschwindet nach wenigen Augenblicken und wird nicht wiederholt angezeigt. Noch problematischer: Der Alarm wird nicht in der App gespeichert und lässt sich später nicht mehr auffinden. Er geht damit leicht in der täglichen Flut an Benachrichtigungen unter. Wurde der Insasse erkannt, reagiert das Auto allerdings: zuerst mit der Warnblinkanlage, dann mit lauter werdenden Signalen über die Alarmanlage oder Hupe.
Zeekr 001. Beim Verlassen des Fahrzeugs bleibt es ebenfalls still. Was danach folgt, überzeugt jedoch: Sobald das Auto den Insassen erkannt hat, setzen Warnblinker und Hupsignale in regelmäßigen Abständen ein. Vom Bürgersteig aus sind sie gut sicht- und hörbar. Damit endet die Alarmkette. In der Zeekr-App wurde keine Benachrichtigung festgestellt.
BMW iX3. Auch hier wird der Fahrer beim Aussteigen nicht gewarnt, doch anschließend reagiert das Fahrzeug besonders intensiv. Es aktiviert eine eigene Lichtsignatur und die Warnblinkanlage, um Aufmerksamkeit zu erregen. Vor allem aber zeigt der Zentralbildschirm die Meldung an, dass sich noch ein Insasse an Bord befindet: Ein Passant, der auf das Blinken aufmerksam wird, versteht sofort die Situation. Die Tester betonen, wie wichtig dieses Detail ist, denn die hinteren Scheiben des getesteten Fahrzeugs waren stark getönt und damit ein Kind von außen nicht zu erkennen. Der BMW bietet zwei weitere Vorteile: Die Standklimatisierung schaltet sich ein, um den Temperaturanstieg im Innenraum zu begrenzen. Zudem gehen in regelmäßigen Abständen Benachrichtigungen auf Smartphone und Smartwatch des Fahrers ein, auch noch lange nachdem er sich entfernt hat. Nur eines fehlt: Angehörige oder Rettungsdienste werden nicht automatisch kontaktiert.
Mercedes CLA. Es ist das einzige Auto, das den Fahrer beim Aussteigen warnt. Doch der Alarm beschränkt sich auf eine Meldung im Display: kein Ton, kein von außen sichtbarer Hinweis, keine Benachrichtigung über die App. Das überrascht umso mehr, als das Fahrzeug mit zahlreichen Konnektivitäts- und Alarmfunktionen ausgestattet ist, von der Diebstahl- und Stoßerkennung bis zur Kommunikation mit der App, die sich hier bestens verwenden ließen. Potenzial ist vorhanden, es wird nur nicht genutzt.
Was die Untersuchung zeigt
Der Unterschied zwischen beiden Systemen ist klar: Ein Rückschluss aus dem Öffnen einer Tür hat nichts mit einer tatsächlichen Erkennung zu tun. Systeme mit direkter Messung bringen einen erheblichen Sicherheitsgewinn. Fahrer müssen aber dennoch aufmerksam sein. Der Test zeigt zudem, dass gerade im kritischen Fall, dass ein Neugeborenes in der Isofix-Babyschale vergessen wird, noch Luft nach oben ist.
An die Hersteller richten sich mehrere Erwartungen. Erstens sollten sie direkte Erkennung und indirekte Hinweise kombinieren. Dabei dienen Gurtschloss oder Sitzbelegung als nützliche Zusatzinformationen, um zu bestätigen, dass sich eine Person auf der Rücksitzbank befindet. Zweitens sollte eine deutliche Warnung beim Verlassen des Fahrzeugs Standard werden: Das Auto weist den Fahrer darauf hin, wenn ein Fenster offen ist oder die Automatik nicht in Position P steht. So wäre es doch naheliegend, auch bei einem Kind an Bord zu warnen. Drittens sollte sich der Alarm stufenweise intensivieren: von außen sichtbare und hörbare Signale, eine für Passanten verständliche Meldung, wiederholte Benachrichtigungen und im Extremfall ein automatischer Anruf bei Notfallkontakten, wenn niemand reagiert.
Ein System, das ständig Fehlalarme sendet, wird von seinen Nutzern jedoch irgendwann ausgeschaltet. Sie zu vermeiden, ist daher eine Voraussetzung dafür, dass die Systeme wirken. Ebenso sollten sie sich nicht dauerhaft und unbemerkt deaktivieren lassen.
Fazit
Systeme zur Erkennung von zurückgelassenen Kindern im Fahrzeug sind eine nützliche Fortentwicklung. Sie schützen vor menschlichem Versagen, das jedes Elternteil bei Müdigkeit oder einem abweichenden Tagesablauf treffen kann. Doch dieses Sicherheitsnetz hat noch Löcher: Das Neugeborene in der per Isofix befestigten Babyschale, ein durchaus alltäglicher Fall, bleibt bei den drei ausgefeilten Systemen im Test unerkannt. Und wenn Menschen in der Umgebung die Situation nicht erfassen können, hilft die beste Erkennung nichts.
Für Käufer gilt eine einfache Regel: im Autohaus nachfragen, ob das Fahrzeug Insassen wirklich erkennt oder sich auf Rückschlüsse beschränkt. Diese Information steht nicht immer in den Prospekten, ist aber entscheidend. Und für alle anderen gilt: Ein Kind niemals allein im Auto lassen, auch nicht „nur für zwei Minuten“. Keine Technik kann diesen Reflex ersetzen.