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Rund 3.000 Wegeunfälle wurden 2024 in Luxemburg gemeldet. Das sind 1.000 weniger als 2013. Die Association d’assurance accident (AAA) hat nun eine Präventionskampagne gestartet, um die Unfallzahlen weiter zu reduzieren. Elio Rerman, Referent beim Präventionsdienst der AAA, ordnet die Zahlen ein.

Was versteht die AAA unter einem Wegeunfall?

Elio Rerman

Wir müssen zwei Dinge unterscheiden. Zunächst der Wegeunfall, der sich auf dem Weg zwischen dem Zuhause und dem Arbeitsplatz ereignet. Grundsätzlich sind Sie nur auf dem direkten Weg versichert. Es kann aber Ausnahmen geben, wenn der Alltag dies erfordert. Wenn Sie tanken oder Ihre Kinder in die Kindertagesstätte bringen müssen, ist das abgedeckt. Ein Umweg zum Shopping hingegen fällt eindeutig in den Privatbereich. Dann gibt es den Dienstwegeunfall: Er betrifft alle Fahrten während der Arbeitszeit im Auftrag des Arbeitgebers. Die Unterscheidung ist wichtig, denn der Wegeunfall fällt nicht unter den „Code du travail“. Sie sind ja in Ihrer Freizeit. Fahrten im Dienst hingegen liegen in der Verantwortung des Arbeitgebers.

Und diese Unfälle betreffen nicht nur Autofahrer?

Elio Rerman

Nein. Ob Sie zu Fuß, mit dem Fahrrad oder E-Scooter unterwegs sind – Ihr Weg zur Arbeit ist abgedeckt.

Was sagen die Zahlen der vergangenen zehn Jahre?

Elio Rerman

2013 hatten wir einen Höchststand mit über 4.000 anerkannten Wegeunfällen. Heute liegen wir bei rund 3.000, also einem Rückgang um ein Viertel. Wir erkennen deutlich den Corona-Effekt in den Jahren 2020–2021 mit einem starken Einbruch (unter 2.500 Fälle). Zwischen 2013 und 2023–2024 sind die Zahlen insgesamt rückläufig. Die Entwicklung hängt auch von der Sicherheitslage auf den Straßen ab, von Maßnahmen des Ministeriums für Mobilität und öffentliche Arbeiten, von der Einführung von Radargeräten oder vom wachsenden Bewusstsein der Menschen. Ein Rückgang um 1.000 Unfälle ist nicht unerheblich, weder auf menschlicher noch auf wirtschaftlicher Ebene.

Und wie sieht es bei den tödlichen Unfällen aus?

Elio Rerman

Im Durchschnitt verzeichnen wir fünf bis sechs Todesfälle pro Jahr. Das Jahr 2013 bleibt mit 16 Todesfällen als schwarzes Jahr in Erinnerung. Seitdem hat sich die Lage verbessert, aber jeder tödliche Unfall auf dem Arbeitsweg ist eine unerträgliche Tragödie. Die Statistiken schwanken aufgrund der geringen Größe des Landes stark: Von einem auf das nächste Jahr kann die Anzahl der Todesfälle von null auf acht steigen. Im Durchschnitt bedeutet das einen Todesfall alle zwei Monate – eine Person, die morgens das Haus verlässt und nicht mehr zurückkehrt.

Was sind die Hauptursachen dieser Unfälle?

Elio Rerman

Die Ursachen, die wir in Luxemburg beobachten, unterscheiden sich nicht von denen anderswo. Hohe Geschwindigkeit bleibt eine der Hauptursachen: Sie führt zu einem längeren Bremsweg und der Aufprall ist bei einer Kollision stärker. Hinzu kommt das Fahren unter dem Einfluss von Alkohol, Drogen, manchmal auch Medikamenten. Extreme Müdigkeit spielt ebenfalls eine Rolle. Und schließlich ein Phänomen, das immer mehr an Bedeutung gewinnt: das Smartphone. Manchmal schaut man mehr auf den kleinen Bildschirm als durch die Windschutzscheibe. Vor 15 oder 20 Jahren war das kein Thema. Heute zählt die Ablenkung durch das Smartphone zu den drei Hauptursachen von Unfällen.

Über den Verlust eines Menschen hinaus: Welche wirtschaftlichen Auswirkungen haben diese Unfälle für Unternehmen?

Elio Rerman

Die Auswirkungen sind vielfältig. Zunächst die Fehlzeiten: In fast der Hälfte der Fälle führen Wegeunfälle zu Arbeitsausfällen von mehr als drei Tagen. Ist ein Mitarbeiter nicht da, stellt das einen wirtschaftlichen Verlust für das Unternehmen dar, auf den es reagieren muss. Verfügt das Unternehmen über Fahrzeuge, kommen Reparaturkosten und steigende Versicherungsprämien bei wiederholten Schadensfällen hinzu.

Außerdem basiert unser System auf einem Bonus-Malus-Prinzip: Wir vergleichen Unternehmen derselben Branche und analysieren die relativen Kosten. Ein Unternehmen mit einer guten Unfallbilanz profitiert von einem reduzierten Beitragssatz. Dieser Mechanismus greift bei Arbeits- und Dienstwegeunfällen, nicht direkt bei Wegeunfällen, aber die Botschaft ist klar: Prävention rentiert sich. Der Grundbeitragssatz ist in den vergangenen Jahren übrigens deutlich gesunken.

Was unternimmt die AAA, um diese Unfälle zu reduzieren?

Elio Rerman

Wir haben eine neue Kampagne zur Verkehrssicherheit in der Arbeit gestartet, zusammen mit der Sécurité Routière ASBL, dem Ministerium für Mobilität und öffentliche Arbeiten, dem Centre de Formation pour Conducteurs und der Union des Entreprises Luxembourgeoises. Die Kampagne baut auf sieben Maßnahmen auf, die auf die Hauptursachen von Unfällen abzielen: das Anlegen des Sicherheitsgurts, die Einhaltung des Tempolimits, die Fahrtüchtigkeit, die Kommunikation am Steuer, den Fahrzeugzustand, die Fahrtenorganisation und die sanfte Mobilität.

Diese Maßnahmen wurden in Form von Präsentationen aufbereitet, die Unternehmen nutzen können, um Veranstaltungen zur Sensibilisierung durchzuführen, zum Beispiel eine „Viertelstunde Sicherheit“. Sämtliche Materialien sind auf Französisch, Deutsch und Englisch auf der Website visionzero.lu verfügbar.

Ist das Ziel „Vision Zero“ realistisch?

Elio Rerman

Wenn wir uns nicht das Ziel setzen, die Zahl der Unfälle auf null zu bringen, werden wir es nie schaffen. Es ist nicht akzeptabel, fünf Tote pro Jahr als gutes Ergebnis zu bewerten. Wenn ich mit Unternehmen spreche, frage ich: „Wäre es möglich, dieses Jahr jeden tödlichen Unfall zu vermeiden?“ Alle antworten mit Ja. Wenn das nun jedem Unternehmen gelänge, läge die Gesamtbilanz bei null Toten. Wir wissen, dass Perfektion vielleicht unerreichbar ist, aber genau das ist das Ziel, das es zu verfolgen gilt. Und wenn wir uns die Entwicklung zwischen 2013 und 2023 anschauen, lassen sich die Fortschritte nicht von der Hand weisen.

Und wenn ein Unternehmen Schwierigkeiten, greifen Sie ein?

Elio Rerman

Ja. Wenn bei einem Unternehmen mehrere Malus-Jahre nacheinander auftreten, gehen wir davon aus, dass es Begleitung benötigt. Wir bieten dann eine Beratung vor Ort an, mit dem Sicherheitsbeauftragten und dem Arbeitgeber. Ziel ist es, gemeinsam die Lücken in der Prävention zu identifizieren und die richtigen Maßnahmen umzusetzen, anstatt die Folgen von Unfällen zu beheben. Unser Ansatz ist nicht repressiv, sondern begleitend, zumal manche Unfallfolgen nicht mit Geld wiedergutzumachen sind.

Die sieben Maßnahmen unserer Kampagne helfen dabei, Aktionen zur Sensibilisierung zu organisieren: Plakate, kurze, aber aussagekräftige Videos und thematische Präsentationen, die der Sicherheitsbeauftragte nutzen kann, um die Mitarbeiter in ihrer Rolle als Fahrer zu informieren.

Warum setzen Sie auf Humor statt auf eine schockierende Wirkung?

Elio Rerman

Wir sind der Meinung, dass Humor ebenfalls ein starkes Mittel ist. Wir wollen daran erinnern: Ja, den Gurt anzulegen oder das Telefon am Steuer nicht zu benutzen, ist eine kleine Einschränkung, aber sie bringt einen großen Nutzen in Sachen Sicherheit. Wie viele Menschen haben nach einem Unfall bereut, zu schnell gefahren zu sein oder auf ihr Smartphone geschaut zu haben?

Wie steht Luxemburg im europäischen Vergleich da?

Elio Rerman

Ein Vergleich ist schwierig. Wir liegen vielleicht leicht unter dem Durchschnitt, aber die Beschäftigten legen große Entfernungen zurück: durchschnittlich 30 Kilometer pro Weg. In Frankreich sind es 18, in Deutschland 17 Kilometer. Das erklärt sich durch die wirtschaftliche Attraktivität Luxemburgs. Das Land zieht Arbeitnehmer aus größerer Entfernung an.

Anstatt uns mit anderen Ländern zu vergleichen, ist es sinnvoller, an unseren Besonderheiten zu arbeiten. Diese im Durchschnitt hohe Entfernung zeigt, wie wichtig es ist, die Prävention zu verstärken. Das Unfallrisiko zu reduzieren, bedeutet auch, sicherere Alternativen zu fördern: den öffentlichen Nahverkehr – der Bus ist fünfzehnmal sicherer als das Auto und der Zug mehr als hundertmal –, das Homeoffice stärker zu nutzen, wo dies möglich ist, oder auch die Einrichtung von Satellitenbüros für Grenzgänger in Betracht zu ziehen.

*Quellen: Barometer Alphabet–IFOP 2024: durchschnittlich 18 Kilometer für französische Erwerbstätige. Deutschlandatlas (BBSR – Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung): 2023 betrug der einfache Arbeitsweg der deutschen Beschäftigten durchschnittlich 17,2 Kilometer. In Luxemburg legen die ansässigen Erwerbstätigen durchschnittlich 16,7 Kilometer zurück (Quelle: Liser). Durchschnittliche Entfernungen der in Luxemburg arbeitenden Grenzgänger: 44,7 Kilometer bei französischen Grenzgängern, 48 Kilometer bei deutschen Grenzgängern, 53,9 Kilometer bei belgischen Grenzgängern (Quellen: ODT / Voisins-Nachbarn / DATer-LISER). Gesamtdurchschnitt aller Erwerbstätigen (Ansässige + Grenzgänger): durchschnittlich 30,6 Kilometer pro Weg in Luxemburg.