Alles über die geplante belgische Maut
Flandern, Wallonien und Brüssel haben sich am Freitag, dem 10. Juli 2026, grundsätzlich auf die Einführung einer Maut geeinigt. Ab dem 1. Mai 2027 benötigt jedes Fahrzeug unter 3,5 Tonnen eine Vignette für belgische Autobahnen und Nationalstraßen, unabhängig vom Zulassungsland. Rund 30 Millionen im Ausland zugelassene Fahrzeuge rollen jedes Jahr über das belgische Netz, ohne sich an dessen Finanzierung zu beteiligen. Das wollen die drei Regionen ändern. Betroffen sind auch Einwohner Luxemburgs sowie französische Grenzgänger, die auf dem Weg ins Großherzogtum belgisches Gebiet durchqueren.
Die drei Regionalregierungen stellten die Maßnahme auf einer gemeinsamen Pressekonferenz vor. Mit diesem Vorhaben endet eine mehr als zwanzigjährige Debatte. Anders als Frankreich oder Italien verlangte Belgien bislang keine Gebühr, wenn es sich um leichte Fahrzeuge handelte. „Alle, die unsere Straßen nutzen, müssen einen fairen Beitrag zu deren Unterhalt leisten“, sagte der wallonische Mobilitätsminister François Desquesnes bei der Pressekonferenz.
Eine digitale Vignette für das ganze Land
Die drei Regionen haben sich auf ein einheitliches, landesweit gültiges System verständigt. Die Vignette ist vollständig digital. Einen Aufkleber auf der Windschutzscheibe wird es nicht geben, die Registrierung erfolgt über das Kennzeichen. Bezahlt wird die Maut über eine Online-Plattform. Zusätzlich sind Verkaufsstellen etwa an Tankstellen geplant, um den Kauf für Fahrer, die sich mit digitalen Angelegenheiten schwertun, sowie für Durchreisende aus dem Ausland zu erleichtern.
Was kostet die Maut?
Der Preis richtet sich nach der Gültigkeitsdauer und der Schadstoffklasse des Fahrzeugs. Die Jahresvignette kostet 90 Euro für Elektrofahrzeuge, 100 Euro für Fahrzeuge ab der Euro-4-Norm (das entspricht rund 97 Prozent des Bestands nach Angaben der Regionalregierungen) und 125 Euro für ältere Fahrzeuge der Schadstoffklassen Euro 0 bis 3, in der Praxis also für Autos von vor 2005.
Darüber hinaus gibt es Kurzzeitvignetten, die vor allem für Luxemburger interessant sind, die nur gelegentlich über die Grenze fahren:
| Dauer | Elektro | Ab Euro 4 | Euro 0 bis 3 |
| 1 Tag | 8,10 € | 9,00 € | 11,25 € |
| 10 Tage | 10,80 € | 12,00 € | 15,00 € |
| 1 Monat | 17,10 € | 19,00 € | 23,75 € |
| 2 Monate | 27,00 € | 30,00 € | 37,50 € |
| 1 Jahr | 90,00 € | 100,00 € | 125,00 € |
Wichtig: Die Zehn-Tages-Vignette gilt für einen zusammenhängenden Zeitraum. Eine Aufteilung auf einzelne Tage über mehrere Monate ist nicht möglich.
Welche Fahrzeuge sind betroffen?
Die Vignettenpflicht gilt für alle Fahrzeuge unter 3,5 Tonnen, ob sie in Belgien oder im Ausland zugelassen sind und auch für Leasingfahrzeuge. Gewerblich genutzte Lieferwagen brauchen ebenfalls eine Vignette. Diese Kosten sind allerdings vollständig als Betriebsausgaben absetzbar.
Ausgenommen sind Motorräder und ähnliche Fahrzeuge wie Mopeds und Roller, Lkw, die bereits die Kilometerabgabe zahlen, landwirtschaftlich genutzte Traktoren, Reisebusse sowie Fahrzeuge von Rettungsdiensten, Polizei und Armee.
Auf welchen Straßen ist die Vignette Pflicht?
Die Vignette ist nicht nur auf Autobahnen notwendig, sondern auch auf allen Regional- und Nationalstraßen. Nur Gemeindestraßen bleiben frei befahrbar. Wer die Grenze in Richtung Arlon, Bastogne oder Lüttich überquert, kommt kaum daran vorbei, eine vignettenpflichtige Straße zu nutzen. Für den Einkauf hinter der belgisch-luxemburgischen Grenze braucht es also mindestens eine Tagesvignette.
Kontrollen und Bußgelder
Kontrolliert wird mit festen und mobilen Kennzeichenlesekameras (ANPR). Jede Region ist dabei für ihr eigenes Territorium zuständig. Wer ohne Vignette fährt, riskiert ein Bußgeld von 70 Euro. Bei wiederholten Verstößen steigt der Betrag und liegt ab dem dritten Verstoß bei 210 Euro.
Einnahmen für den Straßenbau
Die Regionalregierungen rechnen mit Einnahmen von 130 Millionen Euro in Flandern und 327 Millionen Euro in Wallonien. Die wallonische Zahl ist eine Schätzung, da genaue Daten zur Anzahl ausländischer Fahrzeuge im Straßennetz fehlen. Die Einnahmen fließen vollständig in den Unterhalt und die Modernisierung des Straßennetzes. Allein Wallonien gibt dafür derzeit 700 Millionen Euro pro Jahr aus.
Die Arbeitgeberverbände FEB, Voka und Unizo sowie der Mobilitätsclub Touring begrüßen das einheitliche System ebenso wie die Tatsache, dass auch ausländische Fahrer zur Kasse gebeten werden. Sie hätten allerdings eine kilometerbasierte Maut bevorzugt, die aus ihrer Sicht besser gegen Staus wirkt als eine Pauschalabgabe.
Dreiländereck: Knotenpunkt Longwy-Athus-Rodingen
Besondere Folgen hat die Maßnahme im Dreiländereck. Tausende französische Grenzgänger aus dem Raum Longwy pendeln täglich über belgisches Gebiet ins Großherzogtum. Die direkteste Route führt über Mont-Saint-Martin, Aubange und Athus nach Rodingen und Petingen zur Collectrice du Sud (A13). Die Avenue de l’Europe, die zentrale Achse durch dieses Gebiet im Europäischen Entwicklungspol (PED) mit rund 130.000 Einwohnern, ist eine belgische Regionalstraße und damit vignettenpflichtig.
Für Berufspendler kostet die Jahresvignette 90 bis 125 Euro, umgerechnet etwa 50 Cent pro Arbeitstag. Manche Grenzgänger könnten Belgien künftig umfahren. Ausweichrouten existieren, verlaufen aber über lokale Straßen: durch das Zentrum von Rodingen über Longlaville oder über Hussigny-Godbrange, Differdingen und Beles. Diese Strecken sind zu Stoßzeiten bereits stark belastet und liegen überwiegend auf luxemburgischem Gebiet. Schon eine teilweise Verkehrsverlagerung würde zu Staus auf Gemeindestraßen im Großherzogtum führen, ohne dass Luxemburg einen Cent aus den Mauteinnahmen erhält.
Auch der belgische Einzelhandel im Grenzgebiet von Sterpenich bis Messancy könnte spüren, dass Kunden aus Luxemburg und Frankreich ausbleiben. Der Finanzschöffe von Aubange, Christian-Raoul Lambert, verteidigt die Maßnahme dennoch. „Wir zahlen überall, wo wir hinfahren. Wenn ich die Autobahn in Frankreich nutze, zahle ich. Warum nicht hier?“, sagte er der luxemburgischen Tageszeitung L’essentiel. Er räumte jedoch ein, dass die Maut an den Grenzen zu Luxemburg und den Niederlanden Fragen aufwerfen werde. In den Niederlanden hat die grenznahe Provinz Zeeland die Entscheidung bereits kritisiert: Sie belaste die Bewohner finanziell und könnte der regionalen Wirtschaft schaden.
Noch kein Gesetz: Kooperationsabkommen in Arbeit
Rechtlich steht das Vorhaben erst am Anfang. Da der Straßenunterhalt in die Zuständigkeit der Regionen fällt, wird die Vignette über ein Kooperationsabkommen zwischen den drei Regionen eingeführt. Anschließend müssen die Regionalparlamente zustimmen: per Dekret in Flandern und Wallonien, per Ordonnanz in Brüssel. Im belgischen Staatsanzeiger wurde bislang kein Text veröffentlicht. Der Zeitplan hängt nicht zuletzt von Brüssel ab: Dort regiert erst seit Februar 2026, nach 615 Tagen politischer Krise, eine fragile Sieben-Parteien-Koalition, und die Brüsseler Regierung hat bereits Vorbehalte gegen die Ankündigungen ihrer regionalen Partner geäußert. „Jetzt gilt es, die politische Einigung in einen rechtlich belastbaren Text zu verwandeln“, sagte François Desquesnes in einem Interview mit der belgischen Tageszeitung L’Avenir.
Deutscher Präzedenzfall
Eine letzte Unbekannte bleibt: Brüssel, diesmal auf europäischer Ebene. Das Projekt muss der Europäischen Kommission vorgelegt werden, die bereits die deutsche Pkw-Maut gestoppt hatte. Diese sah einen Steuerausgleich ausschließlich für deutsche Autofahrer vor. Dies wurde als Diskriminierung anderer EU-Bürger gewertet. Um diesen Fehler zu vermeiden, trennen die belgischen Regionen die beiden Vorhaben formal: auf der einen Seite die Vignette, auf der anderen die Reform der Kfz-Besteuerung mit niedrigerer Verkehrssteuer in Flandern und Wallonien. Diese Anpassung soll die Belastung für belgische Steuerzahler ausgleichen. Ausländische Autofahrer und damit die Einwohner Luxemburgs bleiben dabei außen vor.