MG IM5 und IM6
Ausgeprägte Fahrleistungen, fürstlicher Komfort vorne wie hinten, ein raumfüllendes Soundsystem: Die neuen, technologisch hochgerüsteten Elektro-MG bringen viele Argumente mit, um der Konkurrenz den Rang abzulaufen. Gewinnen sie damit eine neue Kundschaft?
Auf der einen Seite der MG IM5, eine gestreckte Limousine mit harmonischen Proportionen. Auf der anderen der MG IM6, ein wuchtiges SUV-Coupé. Seine Linie wirkt zwischen abfallender Front und hohem Heck etwas unausgewogen. Beide teilen sich die technische Basis und zeigen fließende Formen, wie viele in China gebaute Autos. Sie alle orientieren sich ungeniert an Tesla und dessen schlichtem Design, das zum Erfolg der Marke beitrug.
Der IM5 tritt gegen das Tesla Model 3 an, der IM6 gegen das Model Y. Hier gibt es sicher Plätze zu erobern, denn die kalifornische Marke lässt mit der Erneuerung ihrer ohnehin schmalen Modellpalette auf sich warten.
MG steht für Morris Garages. Die Marke kehrte vor kaum sechs Jahren unter dem Dach des chinesischen Konzerns SAIC nach Europa zurück. Ihren neuen Ruf begründete sie mit Modellen, die viel fürs Geld bieten. Dazu kommen Antriebe wie bei den großen Volumenherstellern: Hybrid, Plug-in-Hybrid, Elektro und Verbrenner.
Europa im Fokus
Innerhalb der Shanghai Automotive Industry Corporation (SAIC) hat MG Europa zur Priorität erklärt. Umso mehr überrascht es, dass beim IM5 wie beim IM6 das achteckige Markenlogo fehlt. Nur die Buchstaben MG stehen dezent am Heck.
An seiner Stelle prangt das Logo von IM. Das Kürzel steht für Intelligence in Motion. SAIC hat diese neue Marke gemeinsam mit den Technologiekonzernen Zhangjiang Hi-Tech und Alibaba in China gegründet und vertreibt sie dort. Das klassische MG-Emblem hätte eine neue Typgenehmigung erfordert. Das hätte Kosten und Verzögerungen verursacht.
Wer in einen der beiden neuen MG einsteigt, hat sofort den Eindruck eines chinesischen Autos. Ein 26,3-Zoll-Bildschirm dient als Armaturenbrett, oben auf der Mittelkonsole sitzt ein geneigter 10,5-Zoll-Touchscreen, und das war’s. Am Lenkrad finden sich nur zwei klickbare Drehregler. Mit ihnen stellt der Fahrer die Lautstärke und einige Fahrerassistenzsysteme ein, ohne den Blick von der Straße zu nehmen.
Alles per Touchscreen
Alles andere läuft über den Bildschirm: Fahrmodi (Eco, Sport, individuell, Schnee beim IM6 Performance), Spiegeleinstellung, Rekuperationsstufen, Klangeinstellungen. Der Fahrer muss dafür den Blick von der Straße nehmen. Es sei denn, er nutzt die Sprachsteuerung, die allerdings ebenfalls ablenkt.
Dieses Bedienkonzept ist unergonomisch, potenziell gefährlich und kann gehörig nerven. Es hat aber nicht nur Nachteile. Mit einem einzigen Befehl erledigt das Auto die meisten Parkmanöver selbst. Das System heißt One-Touch iAD und umfasst One-Touch Park, One-Touch Curbside Parking, One-Touch Pull Out und One-Touch Reverse. Die englischen Namen sprechen für sich, und bis zum Beweis des Gegenteils funktioniert das sehr gut.
Beide Modelle gibt es in drei Versionen, je nach Nennkapazität der Batterie: 75 Standard Range RWD, 100 Long Range RWD und 100 Performance AWD. Die ersten beiden haben Heckantrieb, die dritte Allradantrieb. Wir fuhren die beiden Extreme der Palette, den IM5 als 75 Standard Range mit Heckantrieb und den IM6 als 100 Performance mit Allradantrieb.
Hoher Komfort
Im SUV wie in der Limousine war der Komfort unbestreitbar. Die Materialien, etwa das Kunstleder, sind geschmeidig und atmungsaktiv, reichen aber nicht an Luxus heran. Wie Tesla kann MG hier nicht mit den großen britischen oder deutschen Oberklassemodellen mithalten. Die richtige Sitzposition war schnell gefunden, und los ging es zu einer Runde durch den Schweizer und den französischen Jura.
Vor dem Mittelgebirge stand zunächst Ferney-Voltaire auf dem Programm, wo der französische Schriftsteller und Philosoph lebte. Die französische Gemeinde bei Genf hat sich den Titel „Vorsichtige Stadt“ gegeben, nicht etwa „Blumenstadt“ oder „umweltbewusste Stadt“. Das verspricht spannende Aussichten …
Wir fuhren also gemütlich und genossen Komfort und Ruhe, zumal unter dem doppelt verglasten Panoramadach elektrische Gelassenheit herrschte. Allerdings verkleinert die abfallende Dachlinie des IM6 die Heckscheibe stark und damit die Sicht nach hinten. Diesen gravierenden Mangel teilt auch die Limousine IM5.
Eindrucksvoller Klang
Ein kurzer Abstecher auf die Autobahn Richtung Lausanne zeigte, wie ruhig es im Innenraum zugeht. Dafür sorgen die Aerodynamik und die hervorragende Dämmung. Die aktive Geräuschunterdrückung senkt den Pegel um bis zu zwölf Dezibel. Sie schottet die Insassen etwas von der Außenwelt ab, schafft aber große Ruhe an Bord.
Eine gute Gelegenheit, die Anlage mit 20 Lautsprechern zu testen. Vier davon sitzen im Dachhimmel und erzeugen einen räumlichen Klang. Kein Dolby Atmos, hieß es, aber nahezu gleichwertig. Über den zentralen Touchscreen, natürlich, wählt man den Klangmodus. Vom präzisesten, detailreichsten bis zum hallreichsten Klang stehen „Hi-Fi“, „Studio“, „Recital“ und „Konzert“ zur Wahl.
Wie hätten Sie also Paul Dukas’ „Zauberlehrling“ gern? Als säßen Sie in London hinter dem Mischpult der Abbey Road Studios oder in der Royal Albert Hall? Und das Live-Album von AC/DC? So oder so, die Anlage von IM6 und IM5 ist wirklich verblüffend.
Die beiden Elektromotoren mit 751 PS
Im Waadtländer Jura führt die Route an Nyon und seinen Weinbergen vorbei. Auf der Autobahn zeigte sich ein Vorteil, den nur der IM6 Performance bietet. Setzt der Fahrer den Blinker, der noch von Hand bedient wird, erscheint das Bild der entsprechenden Seite nicht nur im Außenspiegel, sondern auch im Fahrerdisplay. Doppelt gemoppelt, aber praktisch.
Jetzt wurde es ernst, auf der kurvigen Straße durch den Jura hinauf nach Les Rousses. Trotz 2,41 Tonnen Gewicht und 1,67 Meter Höhe lag das SUV tadellos und folgte den Kehren sauber, auch dank Allradlenkung. Die beiden Elektromotoren mit 751 PS machten Überholmanöver zum Kinderspiel. Der Nachteil: Auch der Verbrauch stieg, auf 29 kWh/100 km.
Nach dem Pflichtstopp am Fort des Rousses, wo der köstliche Comté reift, ging es hinauf zum Col de la Faucille. Der Pass liegt auf 1.320 Meter Höhe, die Tour de France hat ihn 41 Mal überquert. Hinter dem Gipfel öffnet sich ein außergewöhnlicher Blick auf das Tal und den Genfersee. Für das Panorama blieb aber keine Zeit. Im Sport-Modus ging es bergab, Kurve um Kurve, im Wettstreit mit Motorradfahrern …
Bergauf, bergab
Hier machten sich Gewicht und Höhe des IM6 bemerkbar. Die Karosserie wankte und nickte, der Fahrer musste das Lenkrad fest im Griff und einen robusten Magen haben. Im acht Prozent steilen Gefälle zeigten sich die Bremsen der Aufgabe gewachsen. Wir hätten uns aber einen klareren Druckpunkt am Pedal gewünscht. Gex, Divonne-les-Bains … Unten hatte sich der Verbrauch wieder normalisiert. Auf insgesamt 90 Kilometern lag er im Schnitt bei 22,9 kWh/100 km.
Insgesamt fährt sich die Limousine IM5 angenehmer und ist alltagstauglicher, auch wenn ihre Strecke ruhiger war. Sie führte durch Ortschaften rund um den Genfersee, der Genf einen Hauch von Badeort verleiht. Und immerhin leistet der IM5 295 PS. Er ist niedriger und 200 Kilogramm leichter, da gibt es keinen Zweifel. Bleibt die Frage: Braucht es wirklich 751 PS und 239 km/h Spitze (mit entsprechendem Verbrauch)? Leistung auf Kosten des Fahrspaßes, das ist das Dilemma.
Technische Daten
MG IM5 75 Standard Range RWD
Points forts
- ausgewogenes Design
- bemerkenswerter cw-Wert von 0,226
- Fahrspaß
- hervorragende Dämmung und hochwertiges, räumliches Soundsystem
Points faibles
- Sicht nach hinten
- Bedienung ausschließlich per Touchscreen
- geringe Auswahl an Außen- und Innenfarben
Technische Daten
MG IM6 Performance AWD
Points forts
- sehr hoher Technologiestand
- sehr hohe Fahrleistungen
- Parkassistenten
Points faibles
- unausgewogenes Design
- hohes Gewicht beeinträchtigt die Fahrdynamik
- wenig echter Fahrspaß