Warum immer weniger erschwingliche sportliche Autos produziert werden
Vor nicht allzu langer Zeit hatten fast alle Hersteller sportliche, flott getrimmte Kleinwagen sowie mittelgroße Modelle zu fairen Preisen im Programm – sogenannte „Hot Hatches“. Hinzu kamen leichte zweisitzige Coupés oder Cabrios. Um Missverständnissen vorzubeugen: Es geht bei diesem Typ von Einstiegssportlern nicht um extreme Motorleistung, überhöhte Geschwindigkeit, Image oder Status. Nein, hier steht der Auto-Enthusiast im Vordergrund. Er profitiert dank intelligenter Ingenieurarbeit von einem möglichst niedrigen Schwerpunkt und optimierter Gewichtsverteilung, einem erstklassig abgestimmten Fahrwerk, einem fein dosierbaren Druckpunkt am Bremspedal und einer exakt ausgelegten Lenkgeometrie. Hinzu kommen eine zur Motorleistung passende Getriebeübersetzung mit kurzen, präzisen sowie knackigen Schaltwegen und gegebenenfalls ein mechanisches Sperrdifferenzial für vorzügliche Traktion beim Beschleunigen. Es kann sich noch so infantil anhören, aber ein derart homogenes Fahrzeug mit einem skalpellartigen, scharfen, direkten Lenkverhalten und einer optimal übertragenen Rückmeldung über den Haftzustand der Reifen an den Fahrer sorgt schnell für Glücksgefühle hinter dem Steuer!
Alles in allem ergibt sich ein überaus effizientes und doch alltagstaugliches Spielzeug, das je nach Modell auch familiengerecht ist. Das Angebot an solchen Modellen ist jedoch in letzter Zeit stark rückläufig. Und das aus mehreren Gründen:
- Umweltstandards: Über einen Zeitraum von mehr als hundert Jahren entwickelte sich die Automobilindustrie kontinuierlich weiter. Der Übergang zur Elektromobilität bedeutet die tiefgreifendste Umstrukturierung seit jeher, sowohl beim Antrieb als auch bei den Produktionsprozessen der Hersteller und Zulieferer. Die CO2-Reduktion um 90 Prozent für Verbrenner bis 2035 zwingt die Automobilindustrie dazu, diese Entwicklung sowie die damit verbundenen Investitionen in die Elektromobilität jetzt deutlich zu beschleunigen. Durch die Entstehungskosten und das Einhalten von immer strengeren Abgasnormen werden erschwingliche Sportwagen als Nischenprodukte für die Hersteller wirtschaftlich unattraktiv und somit aus den Katalogen gestrichen.
- Marktverschiebung: Unabhängig von der Antriebsart sind SUV und Crossover zunehmend die führenden Fahrzeugtypen auf unseren Straßen. Ihr Erfolg erklärt sich unter anderem durch eine gewisse Vielseitigkeit, ein großzügiges Platzangebot, einen komfortablen Ein- und Ausstieg und ein erhöhtes Sicherheitsgefühl. Durch den deutlichen Ausbau des Marktanteils schrumpfen die Segmente von Limousinen und Kleinwagen. Die Ableitung der letztgenannten Fahrzeugtypen zu einem „Einstiegssportler“ erweist sich dann eher als unrentabel.
- Sicherheitsstandards und Gewicht: „Light is right“ – diese Devise von Colin Chapman, Gründer der Rennwagenschmiede Lotus, ist auch heute noch im Sportwagenbau mehr als angebracht. Dank der aktuellen Sicherheitsnormen sind Fahrzeuginsassen glücklicherweise jetzt deutlich besser geschützt als in der Vergangenheit. Die Kehrseite: Das Gewicht ist höher. Ein Auto wog in den 1990er Jahren leicht unter einer Tonne. Heute erleben Ingenieure schon Gefühlsausbrüche, wenn ein Wagen es unter die 1.500-Kilogramm-Marke schafft. Es ist deutlich komplexer, leichte Autos zu bauen. Mit aufwendigen Aluminiumkonstruktionen ist das Spagat zwischen Leichtbau und sicherer Fahrgastzelle zu schaffen, jedoch fallen dabei höhere Fertigungskosten an.
- Digitalisierung und Konnektivität: Mit der E-Mobilität und der sich rasant entwickelnden Digitalisierung wurden die Karten für die traditionellen Autohersteller neu gemischt. Sie stehen nicht nur untereinander, sondern auch mit außereuropäischen Marktbeteiligten in einem intensiven Wettbewerb, was neue Technologien anbelangt: Computergesteuerte Betriebssysteme sorgen für eine optimale Energieeffizienz. Hochvoltbatterien werden digital überwacht und gesteuert. Drahtlose Software-Aktualisierungen müssen fehlerfrei umgesetzt werden. Zusätzliche Assistenzsysteme nehmen dem Fahrer fortwährend die Arbeit ab bis hin zum autonomen Fahren. Künstliche Intelligenz und Konnektivität werden das Interagieren zwischen der Person hinter dem Steuer und dem Auto neu definieren und anhand des Verhaltens des Fahrers lernen. Mit Hilfe eines virtuellen „Co-Piloten“ und eines Sprachassistenten wird das Auto auf Gefahrensituationen im Voraus reagieren sowie über vorausschauende Fahrzeugwartung informieren. KI entwickelt über Echtzeitdaten dynamische Routenführungen, dichtes Verkehrsaufkommen wird umfahren. Multimedia-Systeme bieten ständig neue Applikationen an, 800V- und 5G-V2X Technologie (Konnektivität vom Auto zur Infrastruktur) verlangen nach neuen Plattformen. Der bisherige Aufbau mit einer Vielzahl an untereinander kommunizierenden Steuergeräten, wie wir es seit Jahrzehnten kennen, wird nicht mehr möglich sein. Ein zentraler oder mehrere Hochleistungsrechner werden in Zukunft die zahlreichen Aufgaben zuverlässig koordinieren. Die Digitalisierung wird im Automobilsektor überwiegend zu einer effizienteren Nutzung beitragen sowie den Komfort und die Verkehrssicherheit verbessern. Im Sportwagenbereich erweisen sich diese Einrichtungen jedoch nur bedingt als sinnvoll.
Die hier nur zum Teil beschriebenen Punkte setzen zurzeit beachtliche Investitionen voraus, die neuerdings auch weit über das Fahrzeug als Einzelnes hinausgehen: Es braucht innovative Lösungen für verlässliche Lieferketten. Hersteller können ihre Entwicklungskosten mittels Kooperationen senken. Datensammlungen, die zum Beispiel für Akteure im Bereich der Verkehrspolitik, der Infrastruktur oder der urbanen Gestaltung von Nutzen sind, müssen die Cybersicherheit gewährleisten.
Infolgedessen lässt sich schnell ableiten, dass bei diesen aktuellen Begebenheiten das Sportfahrzeug zurzeit nicht unbedingt die Priorität der Massenhersteller ist, sondern – von einigen Ausnahmen abgesehen – eher von kleinen Konstrukteuren angeboten wird. Unlängst informierten Fahrzeugkataloge über den Durchmesser von Bremsscheiben oder Stabilisatoren sowie Federraten. Mit etwas Humor könnte man meinen, dass sich heute die Leistungsfähigkeit eines Autos am Infotainmentsystem oder der Größe des Bildschirms messen lässt.
Für die Zukunft von erschwinglichen Sportfahrzeugen ist dennoch Zuversicht angebracht. Erste Ansätze wurden schon mit E-Autos unternommen. Wichtige Kriterien wären ein geringes Gewicht durch kleinere Hochvoltbatterien in Verbindung mit einem möglichst niedrigen Schwerpunkt. Ein Vorteil könnte auch die doch weit unbeschränktere Formensprache bei E-Fahrzeugen sein, mit der emotionale Designs möglich sind. Mit einem Elektromotor lässt sich ein leistungsstarkes Fahrzeug relativ einfach verwirklichen. Schwieriger ist es, ein subtiles analoges Fahrgefühl zu erzeugen. Genau hier liegt die Herausforderung, den besten Sportwagen zu gestalten.
Tags