Der Omoda 9, ein großer SUV als Plug-in-Hybrid der Chery-Gruppe, tritt in seinem Segment gegen deutsche und schwedische Spitzenmodelle an. Kann er mithalten?
Nach dem Omoda 5 und dem Jaecoo 7 bringt der chinesische Chery-Konzern nun den Omoda 9 nach Europa, einen großen SUV mit 4,77 Metern Länge. Er ist ausschließlich als Plug-in-Hybrid erhältlich und richtet sich an Familien, die ein vielseitiges Premiumfahrzeug suchen. Der Hersteller gibt offen an, mit dem Volvo XC60, BMW X3, Audi Q5 und Mercedes GLC konkurrieren zu wollen. Jedoch verfolgt er eine Preispolitik, die ihn eher als Konkurrenzmodell zu Plug-in-Hybriden wie dem Skoda Kodiaq, dem Hyundai Tucson oder dem Peugeot 5008 positioniert. Das Vertriebsziel ist klar: eine höhere Ausstattung bieten, ohne den entsprechenden Preis zu verlangen – in einem Segment, in dem Käufer sowohl auf Status als auch auf die Unterhaltskosten achten.
Äußeres Design ohne eigene Handschrift
Der Omoda 9 zeigt mit 1,92 Metern Breite und 1,67 Metern Höhe ausgewogene Proportionen. Für diese Kategorie hat er eine eher flache Silhouette. Die 20-Zoll-Leichtmetallfelgen mit Michelin-Reifen und die versenkbaren Türgriffe folgen dem aktuellen Trend. Die Lichtsignatur verläuft über die gesamte Front- und Heckpartie, was bei Neuheiten aktuell nicht außergewöhnlich ist. Die Linienführung ist gefällig und ohne eine besonders stilistische Handschrift. An einigen Stellen erinnert er offen an europäische und japanische Modelle. Wenngleich es an Originalität mangelt, so präsentiert sich das Modell in anständiger Qualität: Die Karosserieteile sind korrekt verarbeitet. Die Chromelemente sind ebenso zurückhaltend wie die fünf Lackierungen – darunter zwei matte Ausführungen. Nur aus ästhetischen Gründen wurden vier Auspufföffnungen in den Heckstoßfänger integriert. Allesamt Attrappen. Der Auspuff befindet sich unter dem Fahrzeug.
Premium im Innenbereich
Vor allem im Innenraum wird klar, dass sich der Omoda 9 im Premium-Bereich ansiedelt. Das Armaturenbrett wird von einem gewölbten 24,6-Zoll-Bildschirm dominiert, der das Fahrerdisplay (12,3 Zoll) und den zentralen Touchscreen (12,3 Zoll) umfasst. Die Materialien sind hochwertig verarbeitet: gestepptes Leder mit Rautenmuster, sichtbare Ziernähte, weiche Kunststoffoberflächen. Die Ambientebeleuchtung und das großzügige Panoramadach, das nahezu den gesamten Himmel abdeckt, tragen zu einem angenehmen Raumgefühl bei. Die Vordersitze sind elektrisch in sechs Richtungen verstellbar, beheizt, belüftet und bieten eine Massagefunktion. Im hinteren Bereich sind die Sitze ebenfalls beheizbar und belüftet, was in dieser Preisklasse selten ist. Mitfahrer haben dort ausreichend Beinfreiheit. Drei Erwachsene finden entspannt Platz. Der Kofferraum bietet ein Volumen von 660 Litern bzw. 1.783 Litern bei umgeklappter Rückbank. Auch weniger wichtige Funktionen müssen über den Touchscreen eingestellt werden, was ein Diskussionspunkt ist. Einige physische Bedienelemente sind aber doch am Lenkrad und an der Mittelkonsole verbaut.
Super Hybrid System auf dem Prüfstand
Es ist vor allem der Antriebsstrang mit der Bezeichnung SHS-P (Super Hybrid System), der aus technischer Sicht für den Omoda 9 spricht. Ein 1,5-Liter-Turbo-Benziner mit vier Zylindern im Miller-Zyklus arbeitet mit drei Elektromotoren – zwei vorne, einer hinten – zusammen. Die Leistung beträgt 537 PS, das maximale Drehmoment 650 Nm. Die Kraftübertragung erfolgt über ein Dreiganggetriebe, der Allradantrieb wird elektrisch über den hinteren Elektromotor aktiviert. Den Sprint von 0 auf 100 km/h absolviert der Omoda 9 laut Hersteller in 4,9 Sekunden – außergewöhnlich für ein Familien-SUV. Die Lithium-Ionen-Batterie mit 34,46 kWh ermöglicht eine elektrische Reichweite von bis zu 145 Kilometern nach dem WLTP-Zyklus, einer der höchsten Werte in diesem Segment. Zum Vergleich: Der Mercedes GLC PHEV erreicht maximal rund 130 Kilometer, der Skoda Kodiaq iV 122 Kilometer und der MG HS Plug-in 120 Kilometer. Die kombinierte Reichweite liegt bei über 1.100 Kilometern, der kombinierte Kraftstoffverbrauch bei 1,4 l/100 km – ein theoretischer Wert, der wie bei jedem Plug-in-Hybrid zu relativieren ist. Bei unserem Test blieb der tatsächliche Verbrauch für ein Fahrzeug dieser Größe und Leistung in einem vernünftigen Rahmen. Das Auto lässt sich mit bis zu 65 kW schnellladen. Der Akkustand steigt innerhalb von 25 Minuten von 30 auf 80 Prozent. Bei Plug-in-Hybriden ist die Möglichkeit des Schnellladens noch selten. Ein kleiner Pluspunkt: Das Fahrzeug fährt nicht los, solange der Fahrergurt nicht angelegt ist.
Lenkung mangelt es an Präzision
Am Steuer ist die verfügbare Leistungsreserve sofort spürbar. Beim kräftigen Beschleunigen, vor allem im Sport-Modus, machen sich die 537 PS bemerkbar. Doch haben die technischen Daten etwas mehr Dynamik versprochen. Zu diesem Eindruck trägt vor allem die Lenkung bei: Sie gibt wenig Rückmeldung, filtert zu viele Informationen der Vorderachse heraus. Das mindert die Präzision in Kurven. Das Fahrverhalten ist ausgewogen, der Allradantrieb sorgt für Traktion, doch es fehlt etwas an Engagement. Die Federung hingegen überzeugt: Unebenheiten werden ordentlich abgefedert. Auch bei konstanter Geschwindigkeit dringen kaum Geräusche in den Innenbereich, sodass es auf der Autobahn ruhig bleibt. Die sechs Fahrmodi (Eco, Normal, Sport, Schnee, Sand, Offroad) verändern das Ansprechverhalten des Gaspedals, doch der Unterschied zwischen dem Komfort- und dem Sportmodus bleibt moderat. Zwei Wermutstropfen: Zum einen sind die Fahrerassistenzsysteme nicht ausreichend abgestimmt – der Spurhalteassistent greift mitunter zu früh oder zu spät ein – und manche Warnungen sind auf Nebenstraßen zu aufdringlich. Zum anderen ist der Blinker so leise, dass man ihn kaum hört.
Fazit
Mit dem Omoda 9 SHS-P macht Chery ein interessantes Angebot. Zu den Stärken zählen die Serienausstattung, die hohe elektrische Reichweite, sieben Jahre Garantie auf das Fahrzeug und acht Jahre auf die Batterie sowie ein Einstiegspreis ab 52.900 Euro. Bei diesen Faktoren hält er mit deutschen oder schwedischen Wettbewerbern, die oft 10.000 bis 20.000 Euro teurer sind, mindestens mit. Beim Fahren kommt er allerdings nicht an die etablierten Modelle heran: Die Lenkung und die Abstimmung der Assistenzsysteme zeigen, dass noch Optimierungspotenzial besteht. Wie bei einer jungen Marke auf dem europäischen Markt üblich, kommt die Unsicherheit hinzu, was die Marktakzeptanz und den Werterhalt betrifft. Käufern, denen eine gehobene Ausstattung zu einem vergleichsweise erschwinglichen Preis sowie eine hohe elektrische Reichweite wichtig sind, sei eine Probefahrt unbedingt empfohlen. Wer den Fahrspaß an erste Stelle setzt, wird vermutlich eher das Angebot europäischer Hersteller bevorzugen.
Pro
- großes Panoramadach, das sich öffnen lässt
- akustische Warnsignale kaum störend
- Das Fahrzeug fährt erst los, wenn der Sicherheitsgurt angelegt ist.
Contra
- Abstimmung der Fahrerassistenzsysteme
- zu leichtgängige Lenkung
Technische Daten – Omoda 9 SHS-P Premium AWD
- Leistung (PS / kW): 537 / 395
- Drehmoment (Nm): 650
- Batterie (kWh): 34,46 kWh (Lithium-Ionen, ternär)
- kombinierter Verbrauch (l/100 km, nach WLTP): 1,4 – Hinweis: Der Verbrauch wird bei einem Plug-in-Hybrid in l/100 km angegeben, nicht in kWh/100 km
- elektrische Reichweite (km, nach WLTP): 145
- Beschleunigung (0–100 km/h in Sek.): 4,9
- Vmax (km/h): 180
- Gewicht (kg, Leergewicht, fahrbereit):270
- Einstiegspreis (€): ab 52.900