Bram van Hilten hat in Luxemburg eine seltene Sammlung von Harley-Davidson-Zweitaktern zusammengetragen. Es handelt sich um kaum bekannte Modelle, die bis 1978 gebaut wurden. Seine Leidenschaft führte ihn bereits bis nach Milwaukee und bewog ihn zum Schreiben eines Buchs.
Die Geschichte beginnt Ende 1998 bei einer Spazierfahrt an der Mosel. Bram van Hilten erkennt das Motorrad wieder, das er als Jugendlicher fuhr: eine Harley-Davidson mit 90 ccm und Zweitaktmotor, ein Geschenk seines Vaters zum Abitur. „Ganz zufällig habe ich eine kleine Runde an der Mosel gedreht. Und was sehe ich da? Mein altes Motorrad! Also habe ich es gekauft und so hat das angefangen“, erzählt er. Heute umfasst seine Sammlung 28 Maschinen und dabei sind die, die noch im Aufbau sind, nicht inbegriffen: Straßenmodelle, Motocross- und Rennmaschinen, Prototypen und kaum bekannte Kleinserien. Die meisten sind fahrbereit. „Ich lasse sie regelmäßig laufen, um technische Probleme zu vermeiden“, betont er. Warum gerade diese Marke und keine andere? „Harley-Davidson hat einen besonderen Charakter und einen ganz eigenen Geruch. In der Harley-Gemeinschaft herrscht eine Stimmung, die man bei anderen Marken nicht findet.“
Ein kaum bekanntes Kapitel
Alles geht auf das Jahr 1960 zurück. Harley-Davidson übernimmt damals 50 Prozent der Motorradsparte des italienischen Herstellers Aermacchi mit Sitz in der Nähe von Varese. 1969 kauft das Unternehmen die restlichen Anteile hinzu. Der Hersteller aus Milwaukee wird dort fast 20 Jahre lang kleine Zweitaktmotoren produzieren: 125-ccm-Modelle für Frankreich, wo sie damals führerscheinfrei sind, daneben 50, 65, 90, 100, 175, 250 und bis zu 500 ccm für den Rennsport. 1978 übernehmen die Brüder Castiglioni das Werk und begründen darauf ihre Marke Cagiva.
Heute assoziiert man mit Harley-Davidson vor allem schwere Cruiser. Damals handelte es sich um kleine Sportmaschinen. Ihnen verdankt die Marke ihren einzigen Geschwindigkeitsweltmeistertitel. Mit dem italienischen Fahrer Walter Villa gewann Harley-Davidson Aermacchi die Weltmeisterschaft in der Klasse 250 ccm in den Jahren 1974, 1975 und 1976, in der Klasse 350 ccm ebenfalls im Jahr 1976. Vier Siege in drei Saisons. Der Franzose Michel Rougerie trat im selben Team an. Dieser Erfolg wurde dem Italiener Renzo Pasolini, der bis zu seinem Tod 1973 in Monza Botschafter der Marke war, nicht mehr zuteil. „Ich hatte Sorge, dass dieser Teil der Geschichte verschwindet. Ich fand es wichtig, ein Buch darüber zu schreiben“, erklärt Bram van Hilten und fügt hinzu: „Dieses Kapitel von Harley-Davidson ist wenig bekannt. Meiner Meinung nach hat die Marke darüber nicht ausreichend kommuniziert.“
Buch von Milwaukee autorisiert
Das von Bram van Hilten veröffentlichte Werk, „Harley-Davidson, The Era of the Two-Stroke Motorcycles“, zeichnet 30 Jahre Produktionsgeschichte nach. 145 Seiten im A4-Format, Hardcover, tausend Exemplare. Acht Jahre Recherche stecken darin. „Ich musste viele Leute in Italien anrufen, ehemalige Ingenieure. Sie haben mir Details erklärt, die niemand sonst wusste. Ich habe in die Niederlande, nach Deutschland, nach England telefoniert, überallhin“, erzählt er. Auch der Schweizer Konstrukteur Fritz Egli ließ ihm Informationen und Teile zukommen.
Vor der Veröffentlichung holte sich der Autor die offizielle Genehmigung von Harley-Davidson Milwaukee ein. „Wenn man den Namen Harley-Davidson ohne Erlaubnis verwendet, wird es sehr, sehr teuer. Sie haben weltweit Anwälte“, erklärt der Sammler. Er erhielt die Zustimmung nach zahlreichen Gesprächen mit dem Team des Harley-Davidson-Museums. Dabei fiel ihm auf, dass einige in Milwaukee ausgestellte Modelle Identifikationsfehler aufwiesen oder Prototypen entsprachen, die in den amerikanischen Archiven in Vergessenheit geraten waren. „Sie wussten nicht einmal, dass sie diese gebaut hatten. Und umgekehrt hat sich Milwaukee für Modelle interessiert, die mir gehören und die sie selbst nicht besitzen“, betont Bram van Hilten.
Bemerkenswerte Exemplare in Kleinserien
Die Sammlung veranschaulicht die Vielfalt der Produktion. Von einem 50-ccm-Modell aus dem Jahr 1965, das für die weibliche Kundschaft entworfen worden war, wurden nur sechs Exemplare gebaut. „Milwaukee hat Italien gebeten, ein 50-ccm-Modell für Frauen zu bauen. Sie haben es umgesetzt, aber eigentlich wollten sie nicht: In Italien gab es kein Interesse. Sie überlegten, sie nach Amerika zu exportieren, aber das hat nicht funktioniert. Also haben sie es sein lassen“, berichtet er. Eine SX350, 48 Exemplare. Eine europäische MX 250 von 1977, 22 Exemplare. Ein Aermacchi-Prototyp 175 von 1974. Noch seltener: ein Doppelvergaser-Zylinder auf einem Motorunterteil der MX250, von dem nur zwei Exemplare existieren sollen. „Bei niedriger Drehzahl geht da nichts und auf einmal, bei 8.000 Umdrehungen, geht‘s los. Ich denke, sie war fürs Dragracing gedacht“, meint der Sammler.
Hinzu kommt eine Harley-Davidson von 1910, das Modell Silent Gray Fellow mit Viertaktmotor: Der Name verweist auf ein System, mit dem sich der Auspuff schließen ließ, um Pferde nicht zu erschrecken. Ein weiteres bemerkenswertes Exemplar ist ein italienischer Roller von Aermacchi mit 150 ccm in Rot und Weiß, der gerade restauriert wird. Die Vorbesitzerin, eine Niederländerin, hatte 1972 mit dem Fahren aufgehört. „Die Kinder haben in die Garage geschaut und gesagt: ‚Was ist das?‘ Sie haben einen Freund von mir angerufen, der dann sofort mich angerufen hat“, erzählt Bram van Hilten.
Auf der Suche nach Ersatzteilen
Wer einsteigen möchte, dem nennt Bram van Hilten als Einstiegspreis für ein Straßenmodell „rund 4.000 bis 5.000 Euro“. Ein vollständig restauriertes Exemplar mit überholtem Motor kann bis zu 10.000 Euro kosten, vor allem wenn es selten ist. „Ich habe das Glück, viele europäische Sprachen zu sprechen, deshalb kann ich überall recherchieren“, sagt er. Da die meisten Zweitaktmodelle in Italien und Frankreich verkauft wurden, finden sich in diesen beiden Ländern bis heute die meisten Exemplare. Harley-Davidson stellt für sie keine Ersatzteile mehr her, ebenso wenig wie Cagiva. Der Sammler hat daher über die Jahre ein stattliches Lager aufgebaut. „Wenn ich in Italien oder Frankreich unterwegs bin, gehe ich zu ehemaligen Händlern und frage, ob sie noch Lagerbestände haben. Wenn ja, kaufe ich Teile auf.“
Ein Wunschmodell, das auf sich warten lässt
Über den Sammler hinaus spricht auch der ehemalige Finanzdirektor einer Bank. Bram van Hilten verfolgt den Kurs der Harley-Davidson-Aktie seit den 1990er Jahren. Im Jahr 2003 feierte die Marke ihren 100. Geburtstag. 2006 begann eine anhaltende Talfahrt. „Es gab keine neue Kundschaft. Sie haben zu lange versucht, Motorradfahrern zu gefallen, die schon ein gewisses Alter hatten und dachten nicht an die neue Generation“, meint er. Das Vorhaben, in Indien 350- und 500-ccm-Modelle für den europäischen Export zu produzieren, weist seiner Meinung nach in die richtige Richtung, komme aber spät.
Heute widmet Bram van Hilten seine Zeit den Treffen der Harley-Davidson-Community, Ausfahrten, der Restaurierung alter Modelle und der Suche nach Maschinen, die in Vergessenheit geraten sind. Er ist auch auf der Rennstrecke unterwegs, dem Circuit Ricardo Tormo in Valencia. Sein Wunschmodell: eine Harley-Davidson 50 ccm Sport in europäischer Ausführung. „Ich suche schon seit Jahren. Aber ich werde eine finden. Es ist nur eine Frage der Zeit“, gibt er sich zuversichtlich.