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Das erste Automobil mit Verbrennungsmotor ist nur einer der kostbaren Schätze, die das Mercedes-Benz Museum in Stuttgart zeigt. Marcus Breitschwerdt, CEO von Mercedes-Benz Heritage, über ikonische Modelle und ein Unternehmen, dessen Geschichte von Aufbruch und Wandel geprägt ist.

Das Mercedes-Benz Museum präsentiert Modelle aus 140 Jahren Unternehmensgeschichte. Wenn Sie ein Exemplar fahren dürften: Welches würden Sie wählen?

Marcus Breitschwerdt

Ich darf ja immer wieder Modelle aus unserer Sammlung fahren. Zu meinen Favoriten gehört der C 111 mit Wankelmotor. Ein Supersportwagen, 350 PS, 300 km/h Höchstgeschwindigkeit, Flügeltüren. Ich bin ihn vor einigen Jahren in Los Angeles gefahren. Da wurde ich an einer Ampel angesprochen: „Oh, it’s a Mercedes! When does it come to the market?“ Dabei haben wir den ersten C 111 als Versuchsfahrzeug 1969 präsentiert. Nach über 50 Jahren glauben Leute immer noch, dass er eine Neuheit sei. Da haben wir damals doch alles richtig gemacht, oder?

Als Carl Benz vor 140 Jahren das erste Automobil mit Verbrennungsmotor baute, lagen solche Leistungen noch in weiter Ferne. Was war das damals für ein Fahrerlebnis?

Marcus Breitschwerdt

Der Benz Patent-Motorwagen war ein Dreirad, dadurch war das Lenken einfacher. Er erreichte mit rund 1,5 PS ungefähr die Reisegeschwindigkeit eines Pferdes, wobei das Pferd natürlich nicht so ausdauernd war. Das war damals eine Sensation, aber die Menschen waren auch skeptisch. Für den Durchbruch sorgte Carl Benz‘ Ehefrau Bertha. Sie hat 1888 mit ihrer Fahrt von Mannheim nach Pforzheim bewiesen, dass sich mit dem Fahrzeug knapp 100 Kilometer bewältigen lassen.

Anfang des 20. Jahrhunderts sehen wir bereits viele luxuriöse Modelle. War das der Beginn der Ausrichtung von Mercedes-Benz, wie wir die Marke heute kennen?

Marcus Breitschwerdt

Den Grundstein hat tatsächlich die Erfindung des Automobils im Jahr 1886 gelegt. Sie zeigt den in Süddeutschland herrschenden Pioniergeist. Es gab hier keine Großindustrie und die Menschen wussten: Ich kann mir eine größere Anschaffung nur einmal im Leben leisten – und deswegen muss sie mich ein Leben lang begleiten können. Deshalb war nur das Beste gut genug, technische Dinge durften nicht schon wenig später überholt sein. Das erreicht man nur mit bester Konstruktion, bestem Material, bester Verarbeitung und zeitlosem Design. So haben Gottlieb Daimler und Carl Benz ihre Produkte gebaut. Um 1900 waren beide dann an der Spitze des Markts – mit getrennten Unternehmen. Daimler brachte den ersten Mercedes heraus. Seitdem fühlen wir uns mit diesem Namen an der Spitze wohl – und erfüllen mit unseren Produkten höchste Ansprüche.

Einige Jahrzehnte später, im Zweiten Weltkrieg, beschäftigte Mercedes-Benz Tausende Zwangsarbeiter in der Rüstungsindustrie. Wie beleuchten Sie dieses Kapitel im Museum?

Marcus Breitschwerdt

Unsere Besucher unternehmen im Museum eine Zeitreise von 1886 bis heute. Während ihres Rundgangs von oben nach unten befinden sich immer auf der rechten Seite die Fahrzeuge der jeweiligen Epoche. Sie werden auf der linken Seite flankiert von Ausstellungsstücken und zeitgenössischen Bildern, die sämtliche Jahrzehnte mit gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Ereignissen zeigen. Dazu gehört auch die NS-Zeit. Unsere damalige Rolle ist wissenschaftlich umfassend von Historikern aufgearbeitet worden und wir machen sie auch in der Ausstellung transparent. Wir beleuchten diese Zeit in mehreren Vitrinen, darunter auch das Thema „Zwangsarbeit“.

Nach dem Kriegsende begann der Aufschwung. Welches Modell steht für Sie für das Wirtschaftswunder?

Marcus Breitschwerdt

Unser Flügeltürer ist die Ikone der 1950er Jahre. Seine Vorgeschichte: Wir haben 1952 einen Rennwagen für die Carrera Panamericana gebaut, den 300 SL der Baureihe W 194. Er hatte einen leichten Gitterrohrrahmen, weshalb man nur Türen einbauen konnte, die sich nach oben öffneten. Das Fahrzeug gewann alle wichtigen Rennen. Unser Generalimporteur in den USA, Maximilian Hoffman, reiste dann nach Stuttgart und sagte: „Eine Straßenversion dieses Rennsportwagens kann ich glänzend verkaufen.“ So kam es 1954 zum gleichnamigen Seriensportwagen mit den berühmten Flügeltüren. Überall haben die Menschen ihn bewundert. Der 300 SL hat gezeigt, dass in Deutschland Automobile entstehen, die in der ganzen Welt Standards setzen. Das war in dieser Nachkriegszeit nicht selbstverständlich.

Während Konzerne wie Stellantis oder Volkswagen eine Mehrmarkenstrategie verfolgen, konzentriert sich Mercedes-Benz heute auf seine Kernmarke. Ist dies eine Folge davon, dass die Fusion mit Chrysler vor rund 20 Jahren scheiterte?

Marcus Breitschwerdt

Wir haben das Zusammenspiel probiert, es hat nicht gut funktioniert und so haben wir uns wieder getrennt. Wir stammen aus einer Zwei-Marken-Welt – Benz und Mercedes – und haben heute Submarken wie Mercedes-AMG, Mercedes-Maybach und die G-Klasse. Die Dachmarke Mercedes-Benz erlaubt eine solche Ausdifferenzierung, weil sie auf verlässlichen, authentischen Werten gründet und robust ist.

Blicken wir in die Zukunft: Wird der nächste Ausstellungsraum im Museum sich eher der Elektromobilität oder dem autonomen Fahren widmen?

Marcus Breitschwerdt

Im Elektroantrieb liegt ein grandioses Zukunfts- und bereits Gegenwartspotenzial. Es ist unser Anspruch, die besten Elektroautos der Welt zu bauen, und wir werden diese mit großer Begeisterung zeigen – zusätzlich zu Verbrennern, die durchaus noch Jahre ihre Bedeutung haben werden. Zugleich sind Assistenzsysteme mit all ihren Möglichkeiten fester Bestandteil heutiger digitalisierter Autos.

Und wie beurteilen Sie das autonome Fahren?

Marcus Breitschwerdt

In den beruflichen Funktionen, die ich für das Unternehmen ausgeübt habe, durfte ich regelmäßig autonomes Fahren in Anspruch zu nehmen, nämlich mit einem Chauffeur. Das ist prima, wenn Sie im Auto arbeiten können. Ansonsten ist meine persönliche Meinung: Ich bin als Kind lange genug von meinen Eltern gefahren worden. Einer der besten Tage in meinem Leben war der Tag, an dem ich meinen Führerschein erhalten habe. Dieses Gefühl von Freiheit schätze ich bis heute. Autonomes Fahren wird sicherlich seinen Nutzen und eine entsprechende Verbreitung haben. Aber ist es nicht in dieser zunehmend technisierten Welt schön, wahlweise selbst steuern zu können?

Eine Sammlung von unfassbarem Wert

Das Mercedes-Benz Museum in Stuttgart präsentiert rund 160 Fahrzeuge aus den Anfängen bis heute. Zu sehen sind nicht nur Personenwagen, sondern auch Nutzfahrzeuge und Silberpfeile. Das Museum zeigt nur einen Teil der Sammlung von Mercedes-Benz, die insgesamt rund 1.200 Fahrzeuge umfasst. Für Aufsehen sorgte 2022 der Verkauf des sogenannten Uhlenhaut-Coupés für 135 Millionen Euro. Der Erlös ging ins Förderprogramm beVisioneers, das Tausende junge Menschen aus aller Welt bei Nachhaltigkeitsprojekten unterstützt. Zur Sammlung gehören noch wertvollere Modelle, etwa der 300 SLR, mit dem Stirling Moss 1955 die Mille Miglia gewann, erzählt Breitschwerdt: „Ich schätze seinen Wert auf 250 Millionen Euro, aber den werden wir nie verkaufen.“